Welche ökologischen Folgen hat die Ausbreitung invasiver Austernarten in fremden Gewässern?
Die Ausbreitung invasiver Austernarten – allen voran der Pazifischen Auster (Magallana gigas, früher Crassostrea gigas) – hat tiefgreifende und komplexe Auswirkungen auf marine Ökosysteme. Diese Auswirkungen sind meist eine Mischung aus der Verdrängung einheimischer Arten und einer grundlegenden Umgestaltung des Lebensraums.
Hier sind die wichtigsten ökologischen Folgen im Detail:
1. Veränderung des Lebensraums („Ecosystem Engineering“)
Austern sind sogenannte Ökosystem-Ingenieure. In Gebieten, in denen sie eigentlich nicht heimisch sind, verändern sie die physikalische Struktur des Bodens massiv:
- Vom Weichboden zum Hartsubstrat: In Wattenmeeren (wie der Nordsee) verwandeln invasive Austern lockere Sand- oder Schlickflächen in massive, scharfkantige Austernriffe.
- Veränderte Strömung und Sedimentation: Die Riffe beeinflussen die Wasserströmungen in Bodennähe. Dies führt dazu, dass sich vermehrt feines Sediment und organisches Material zwischen den Austern ablagert, was die Bodenbeschaffenheit lokal komplett verändert.
2. Verdrängung heimischer Arten
Die invasive Auster tritt in direkte Konkurrenz zu einheimischen Muschelarten, insbesondere zur Miesmuschel (Mytilus edulis):
- Platzmangel: Austern wachsen oft direkt auf Miesmuschelbänken. Da sie schneller wachsen und größer werden, überwuchern sie die Miesmuscheln und entziehen ihnen den Lebensraum.
- Nahrungskonkurrenz: Als Filtrierer sieben Austern Plankton aus dem Wasser. Durch ihre schiere Biomasse können sie die Verfügbarkeit von Nahrung für andere filtrierende Arten stark reduzieren.
3. Auswirkungen auf die Nahrungskette
Die Umwandlung von Miesmuschelbänken in Austernriffe hat Folgen für die gesamte Nahrungskette:
- Probleme für Vögel: Viele Küstenvögel (z. B. der Austernfischer oder die Eiderente) sind auf Miesmuscheln als Hauptnahrungsquelle angewiesen. Austernschalen sind jedoch viel dicker, härter und oft zu groß, um von den Vögeln geöffnet zu werden. Zudem sind die scharfkantigen Riffe ein Verletzungsrisiko für die Vögel.
- Vorteile für kleine Organismen: In den Zwischenräumen der Austernriffe finden kleine Krebstiere, Schnecken und Jungfische oft besseren Schutz vor Fressfeinden als auf einer flachen Miesmuschelbank. Dies kann die lokale Biodiversität bei Kleintieren sogar erhöhen.
4. Veränderung der Wasserqualität und Nährstoffzyklen
Austern haben eine enorme Filterleistung:
- Erhöhte Transparenz: Durch das Filtern von Plankton und Schwebstoffen kann das Wasser klarer werden, was das Wachstum von Seegraswiesen fördern kann (da mehr Licht zum Boden dringt).
- Eutrophierung: Die Ausscheidungen der Austern (Pseudofäzes) reichern den Boden mit Stickstoff und Phosphor an. Dies kann in geschlossenen Buchten zu lokaler Überdüngung und Sauerstoffmangel im Sediment führen.
5. Einschleppung von Krankheiten und Mitbewohnern
Mit der absichtlichen oder unabsichtlichen Einführung von Austern (z. B. durch Aquakulturen oder Ballastwasser) werden oft weitere invasive Arten „huckepack“ mitgenommen:
- Pathogene: Viren oder Bakterien können auf heimische Muschelpopulationen überspringen.
- Epibionten: invasive Algen oder räuberische Schnecken (wie die Amerikanische Austernbohrschnecke) verbreiten sich oft zusammen mit den Austern.
6. Küstenschutz (ein positiver Nebeneffekt?)
In Zeiten des Klimawandels wird ein Aspekt intensiv diskutiert: Massive Austernriffe können die Energie von Wellen brechen. In einigen Regionen werden sie daher mittlerweile als „lebender Küstenschutz“ betrachtet, der die Erosion von Küstenlinien verlangsamt – ein seltener Fall, in dem eine invasive Art eine nützliche Ökosystemdienstleistung erbringt.
Fazit
Die ökologischen Folgen sind ambivalent. Während die Pazifische Auster im Wattenmeer die Miesmuschel bedrängt und die Nahrungsquelle für Vögel einschränkt, schafft sie gleichzeitig ein neues, hochkomplexes Riff-Ökosystem, das vielen anderen kleinen Arten Schutz bietet. Dennoch überwiegt aus Naturschutzsicht oft die Sorge, da sie die charakteristische Dynamik und Artenzusammensetzung ursprünglicher Lebensräume dauerhaft verändert.