Welche Gefahr besteht durch die Kombination vieler verschiedener Präparate zur gleichen Zeit?
Die gleichzeitige Einnahme vieler verschiedener Präparate (egal ob verschreibungspflichtige Medikamente, rezeptfreie Mittel oder Nahrungsergänzungsmittel) wird in der Medizin als Polymedikation oder Polypragmasie bezeichnet.
Ab etwa fünf verschiedenen Präparaten steigt das Risiko für Komplikationen exponentiell an. Hier sind die wichtigsten Gefahren im Überblick:
1. Wechselwirkungen (Interaktionen)
Dies ist die größte Gefahr. Die Substanzen können sich gegenseitig in ihrer Wirkung beeinflussen:
- Verstärkung: Ein Mittel verstärkt die Wirkung eines anderen so stark, dass es gefährlich wird (z. B. Kombination verschiedener Blutverdünner, was zu inneren Blutungen führen kann).
- Abschwächung/Aufhebung: Ein Präparat verhindert, dass ein anderes wirkt. Ein klassisches Beispiel ist Johanniskraut (pflanzlich), das die Wirkung der Antibabypille oder von Herzmedikamenten massiv abschwächen kann.
- Resorptionshemmung: Manche Mittel verhindern, dass ein Wirkstoff überhaupt vom Körper aufgenommen wird (z. B. dürfen Kalzium oder Magnesium nicht mit bestimmten Antibiotika eingenommen werden).
2. Unvorhersehbare Nebenwirkungen
Je mehr Substanzen im Körper sind, desto schwieriger ist es vorherzusagen, wie sie reagieren. Oft treten Nebenwirkungen auf, die bei einem Einzelpräparat nicht vorkommen würden. Zudem ist es bei Problemen extrem schwer festzustellen, welches der vielen Mittel die Beschwerden verursacht hat.
3. Belastung von Leber und Nieren
Fast alle Substanzen müssen über die Leber abgebaut oder über die Nieren ausgeschieden werden. Eine Flut an Präparaten bedeutet Dauerstress für diese Organe. Bei einer Überlastung können die Giftstoffe nicht mehr schnell genug abtransportiert werden, was zu Organschäden führen kann.
4. Die „Verschreibungskaskade“
Dies ist ein tückischer Teufelskreis: Ein Medikament verursacht eine Nebenwirkung (z. B. Magenschmerzen). Anstatt das Medikament abzusetzen, verschreibt der Arzt ein weiteres Mittel gegen die Magenschmerzen. Dieses neue Mittel hat wiederum eigene Nebenwirkungen, gegen die erneut ein Mittel genommen wird. Am Ende nimmt der Patient einen Cocktail ein, um nur noch die Nebenwirkungen der ersten Tablette zu bekämpfen.
5. Kumulative Effekte (Überdosierung)
Oft ist den Anwendern nicht bewusst, dass verschiedene Präparate den gleichen oder einen ähnlichen Wirkstoff enthalten. Wer beispielsweise ein Kombi-Präparat gegen Erkältung nimmt und zusätzlich eine Kopfschmerztablette, kann unwissentlich eine gefährliche Dosis Paracetamol erreichen.
6. Einnahmefehler und Verwirrung
Je komplexer der Einnahmeplan (morgens, mittags, abends, vor/nach dem Essen), desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für Fehler. Tabletten werden vergessen, doppelt genommen oder verwechselt, was besonders bei Herzmedikamenten oder Insulin lebensgefährlich sein kann.
7. Gefahr durch „natürliche“ Präparate
Viele Menschen glauben, pflanzliche Mittel oder Vitamine seien harmlos. Das ist ein Irrtum. Hochdosierte Vitamine oder pflanzliche Extrakte können massiv in den Stoffwechsel eingreifen und die Wirkung von lebensnotwendigen Medikamenten (z. B. gegen Krebs oder Bluthochdruck) stören.
Was kann man tun?
- Medikationsplan erstellen: Führen Sie eine Liste aller Mittel (auch Vitamine, Tees und Salben).
- Der „Brown Bag“-Check: Packen Sie alle Ihre Packungen in eine Tüte und lassen Sie diese beim Hausarzt oder in der Apotheke überprüfen. Die Experten können prüfen, was sich nicht verträgt.
- Hinterfragen: Fragen Sie bei jedem neuen Präparat: „Ist das wirklich notwendig? Verträgt sich das mit meinen anderen Mitteln?“
- Ein fester Ansprechpartner: Versuchen Sie, Ihre Medikamente immer in derselben Apotheke zu beziehen, da dort meistens ein Computersystem Warnungen bei Wechselwirkungen ausgibt.
Wichtiger Hinweis: Setzen Sie niemals ärztlich verschriebene Medikamente eigenmächtig ab, sondern besprechen Sie Ihre Bedenken immer mit Ihrem Arzt.