Was kann man tun, wenn die benötigte Zwischengröße im Standard-Dichtungsring-Sortiment fehlt?
Wenn die benötigte Zwischengröße eines Dichtungsrings (meist O-Ringe) nicht im Standard-Sortiment zu finden ist, gibt es verschiedene Strategien – von der Nutzung physikalischer Toleranzen bis hin zur Sonderanfertigung.
Hier sind die gängigsten Lösungen, abgestuft nach Aufwand und Professionalität:
1. Ausnutzung der Dehnung und Stauchung (Flexibilität)
O-Ringe sind elastisch. Innerhalb gewisser Grenzen kann eine Standardgröße eine Zwischengröße ersetzen:
- Innendurchmesser (ID): Ein O-Ring kann problemlos um bis zu 5 % gedehnt werden, um auf einen größeren Kern zu passen. Er wird dadurch allerdings etwas dünner (Schnurstärke nimmt ab).
- Außendurchmesser: Ein O-Ring kann auch um etwa 1–3 % gestaucht werden, um in eine Bohrung zu passen.
- Wichtig: Die Schnurstärke (Dicke des Rings) muss dennoch zur Nut passen, damit die nötige Verpressung (meist 15–25 %) für die Dichtwirkung erreicht wird.
2. Suche in internationalen Normen
Oft deckt das "Standard-Sortiment" nur die gängigen metrischen Maße ab. Es gibt jedoch verschiedene Normen, die sich überschneiden:
- AS 568 (USA): Sehr feine Abstufungen in Zoll-Maßen, die oft exakt zwischen die metrischen Maße fallen.
- JIS (Japan): B- und P-Serien bieten oft alternative Zwischengrößen.
- ISO 3601: Die internationale Norm ist oft umfangreicher als das Baumarkt-Sortiment.
- Tipp: Nutzen Sie Online-O-Ring-Konfiguratoren von Fachhändlern, die nach Maßen (nicht nach Normen) filtern lassen.
3. O-Ring-Rundschnur zum Selbstkleben (Vulkanisieren)
Für große Durchmesser oder ungewöhnliche Zwischengrößen gibt es Rundschnur-Meterware.
- Man schneidet die Schnur (aus dem gewünschten Material wie NBR, EPDM oder FKM) exakt auf die benötigte Länge (Umfang berechnen!).
- Die Enden werden mit speziellem Sekundenkleber (Cyanacrylat) oder durch Vulkanisation zusammengefügt.
- Einschränkung: Diese Methode ist primär für statische Abdichtungen (wo sich nichts bewegt) geeignet. Bei dynamischen Anwendungen (Kolbenstangen etc.) ist die Klebestelle eine Schwachstelle.
4. Sonderanfertigung durch Drehen („Seal-Jet“-Verfahren)
Wenn Präzision entscheidend ist, können Fachbetriebe Dichtungen einzeln drehen.
- Anstatt eine Form zu gießen, wird die Dichtung aus einem vollen Materialblock (Rohling) per CNC-Maschine herausgedreht.
- Vorteil: Jedes beliebige Maß ist auf den Zehntelmillimeter genau möglich.
- Nachteil: Teurer als Massenware (ca. 20–50 € pro Stück bei Einzelabnahme), aber oft günstiger als ein Maschinenstillstand.
5. Anpassung der Einbaustelle (Konstruktive Änderung)
Falls es die Hardware zulässt, kann man die Nut anpassen:
- Nut vertiefen oder verbreitern: Wenn man nur eine etwas dickere Schnurstärke zur Verfügung hat, kann man die Nut an der Drehbank nachbearbeiten, damit der Standardring passt.
6. Flüssigdichtungen oder PTFE-Band (Notlösung)
In unkritischen Fällen (niedriger Druck, keine Bewegung) können Alternativen helfen:
- Flüssigdichtung: Silikon- oder anaerobe Dichtmassen können kleine Maßdifferenzen ausgleichen.
- Unterfüttern: Manchmal wird PTFE-Band (Gewindeband) in die Nut gewickelt, um den Durchmesser des O-Rings künstlich zu erhöhen (sehr improvisiert, nicht empfohlen für Hochdruck).
Zusammenfassung: Was ist zu tun?
- Messen: Prüfen Sie, ob eine Standardgröße mit max. 5 % Dehnung passt.
- Fachhandel: Suchen Sie online bei Spezialisten (z. B. Cog, Freudenberg, oder spezialisierte Webshops) nach der exakten Millimeter-Angabe, nicht nach dem "Sortiment".
- Rundschnur: Bei statischen Dichtungen selbst kleben.
- Drehen lassen: Bei geschäftskritischen oder dynamischen Anwendungen eine Einzelfertigung bestellen.
Hinweis: Achten Sie bei der Wahl immer auf das Material (NBR für Öl/Benzin, EPDM für Wasser/Heizung, FKM/Viton für hohe Temperaturen/Chemie).