Warum wurde Müsli ursprünglich als leichtes Abendessen und nicht als Frühstücksmahlzeit konzipiert?

Bearbeiten
Löschen

Dass Müsli heute als der Inbegriff des gesunden Frühstücks gilt, ist eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Der Erfinder des ursprünglichen Müslis, der Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner, konzipierte seine „Apfeldiätspeise“ (die er schlicht „d’Spys“ – Schweizerdeutsch für „die Speise“ – nannte) um das Jahr 1900 aus ganz spezifischen medizinischen und philosophischen Gründen als leichtes Abendessen.

Hier sind die Hauptgründe für diese ursprüngliche Einordnung:

1. Die Theorie der leichten Verdaulichkeit am Abend

Bircher-Benner war ein Pionier der Vollwertkost und Rohkost. Er war überzeugt, dass der Körper nachts keine schwere Arbeit mit der Verdauung leisten sollte. Da das damalige bürgerliche Abendessen oft aus schweren, fettigen oder fleischhaltigen Speisen bestand, suchte er nach einer Alternative. Die „Spys“ war leicht verdaulich und sollte den Magen vor dem Schlafen entlasten, um einen tieferen und erholsameren Schlaf zu ermöglichen.

2. Das Konzept der „Lebendigen Substanz“ (Rohkost)

Für Bircher-Benner war Rohkost „Sonnenlichtnahrung“. Er glaubte, dass ungekochte Lebensmittel eine besondere Heilkraft besäßen. Sein Müsli bestand ursprünglich hauptsächlich aus frisch geriebenen Äpfeln (mit Schale und Gehäuse), ein paar Nüssen und nur sehr wenigen, vorher eingeweichten Haferflocken. Da Obst und Rohkost damals eher als Zwischenmahlzeit oder Ergänzung und nicht als Hauptmahlzeit galten, passte es ideal als leichtes Abendbrot (ähnlich wie man heute einen Salat essen würde).

3. Diätetische Anwendung im Sanatorium

In seinem Sanatorium „Lebendige Kraft“ in Zürich wurde das Müsli als Teil einer Heilkur eingesetzt. Es diente dazu, Patienten von der damals üblichen Fleisch- und Weißmehl-lastigen Ernährung zu entwöhnen. Als Vorspeise oder leichtes Abendessen war es ein Werkzeug zur Gewichtsregulierung und zur Behandlung von Verdauungsproblemen.

Warum wurde es dann zum Frühstück?

Der Wandel vom Abendessen zum Frühstück geschah erst später durch mehrere Faktoren:

  • Internationalisierung: Als das Müsli in den 1940er und 50er Jahren die Schweiz verließ, wurde es oft als Teil eines „gesunden Starts in den Tag“ vermarktet.
  • Convenience-Food-Welle: In den USA und England gab es bereits eine starke Frühstückskultur mit Cornflakes und Porridge. Das Müsli passte perfekt in dieses Schema.
  • Veränderung der Rezeptur: Die Lebensmittelindustrie entwickelte „Trockenmüsli“. Das ursprüngliche Bircher-Müsli war eine feuchte Speise, die man frisch zubereiten musste. Die trockenen Mischungen aus der Packung waren viel praktischer für das schnelle Frühstück vor der Arbeit als für ein rituelles Abendessen.

Zusammenfassend: Bircher-Benner wollte das Abendessen „entschlacken“. Dass wir es heute morgens essen, liegt eher an der modernen Zeitplanung und der Lebensmittelindustrie, die Müsli als schnellen Energielieferanten für den Tag positioniert hat.