Warum wird in der Fernsehwerbung für Damenbinden traditionell eine blaue statt einer roten Flüssigkeit zur Demonstration der Saugfähigkeit genutzt?
Dass in der Werbung für Damenhygieneprodukte jahrzehntelang eine blaue statt einer roten Flüssigkeit verwendet wurde, hat mehrere Gründe, die von gesellschaftlichen Tabus bis hin zu psychologischen und rechtlichen Aspekten reichen.
Hier sind die Hauptgründe für diese Tradition:
1. Das Menstruations-Tabu
Über Jahrzehnte hinweg galt die Menstruation als ein Thema, das im öffentlichen Raum – und besonders im Fernsehen – als „unangemessen“ oder „unrein“ empfunden wurde. Die Farbe Rot ist direkt mit Blut assoziiert, was bei vielen Zuschauern Ekel oder Unbehagen auslösen konnte. Um die Zuschauer nicht zu verschrecken und das Produkt „sauber“ und „ästhetisch“ zu präsentieren, wählte man eine neutrale Farbe.
2. Psychologische Wirkung von Farben
- Blau wird in der Psychologie mit Frische, Reinheit, Wasser und Hygiene assoziiert. Es wirkt beruhigend und klinisch-sauber.
- Rot hingegen ist eine Signalfarbe. Sie steht für Gefahr, Verletzung, Schmerz oder Aggression. In einem Werbekontext, der Sicherheit und Komfort versprechen soll, wollte man diese negativen Assoziationen vermeiden.
3. Werbering- und Sender-Richtlinien
In vielen Ländern gab es (und gibt es teilweise noch) strenge Richtlinien der Werberäte oder der Fernsehsender selbst. Diese untersagten oft die Darstellung von Körperflüssigkeiten, die „anstößig“ wirken könnten. Die blaue Flüssigkeit galt als technisches Demonstrationsmittel (ähnlich wie bei Windelwerbung), um die Saugkraft zu zeigen, ohne den biologischen Prozess zu explizit darzustellen.
4. Fokus auf die Technologie
Durch die Verwendung einer blauen, fast transparenten Flüssigkeit wirkte die Demonstration eher wie ein Laborexperiment. Der Fokus lag auf der physikalischen Leistung des Produkts (z. B. der Umwandlung von Flüssigkeit in Gel durch Superabsorber), nicht auf dem biologischen Vorgang der Periode.
Der Wandel in den letzten Jahren
Seit etwa 2017 gibt es einen deutlichen Umbruch in der Branche. Marken wie Libresse (in Deutschland Essity/Nana) starteten Kampagnen wie „Blood Normal“, in denen erstmals eine realistische rote Flüssigkeit gezeigt wurde.
Die Gründe für diesen Umschwung sind:
- Enttabuisierung: Es wird kritisiert, dass die blaue Flüssigkeit suggeriert, die Periode sei etwas, wofür man sich schämen müsse oder das „unnatürlich“ sei.
- Authentizität: Jüngere Zielgruppen fordern mehr Realismus und Ehrlichkeit in der Werbung.
- Normalisierung: Die Darstellung von roter Farbe soll dazu beitragen, dass die Menstruation als ganz normaler biologischer Prozess wahrgenommen wird.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die blaue Flüssigkeit war ein Kompromiss aus Höflichkeit, Marketing-Psychologie und strengen TV-Regeln, der heute zunehmend als veraltet gilt.