Warum wird der Gliedermaßstab umgangssprachlich noch immer „Zollstock“ genannt?

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Die Bezeichnung „Zollstock“ ist ein klassisches Beispiel für die Beständigkeit von Sprache, auch wenn sich die technischen Gegebenheiten längst geändert haben. Dass wir heute noch „Zollstock“ sagen, obwohl das Werkzeug metrische Maße (Zentimeter und Millimeter) anzeigt, hat im Wesentlichen drei Gründe:

1. Historische Wurzeln (Die Maßeinheit „Zoll“)

Bevor im Deutschen Kaiserreich im Jahr 1872 das metrische System (Meter, Zentimeter) verbindlich eingeführt wurde, war der „Zoll“ (lat. uncia) die gängige Längeneinheit. Handwerker nutzten damals hölzerne Maßstäbe, auf denen die Maßeinheit Zoll eingraviert war – es waren also buchstäblich „Stöcke mit Zoll-Einteilung“.

Auch nach der Umstellung auf das Dezimalsystem blieb der Begriff in den Köpfen der Menschen und in der Ausbildung der Handwerker fest verankert.

2. Sprachökonomie (Bequemlichkeit)

Sprache neigt dazu, sich zu vereinfachen. Das fachlich korrekte Wort „Gliedermaßstab“ ist sperrig, hat vier Silben und klingt sehr technisch. „Zollstock“ hingegen ist kurz, prägnant und zweisilbig. Im hektischen Alltag auf der Baustelle oder in der Werkstatt setzt sich das kürzere Wort meist durch.

3. Sprachliche Trägheit (Linguistisches Beharrungsvermögen)

Es gibt viele Begriffe in unserem Alltag, die technisch eigentlich veraltet sind, aber beibehalten werden. Man nennt das Phänomen auch „Anachronismus“.

  • Wir sagen immer noch „Telefonhörer auflegen“, obwohl wir nur auf ein rotes Symbol am Touchscreen tippen.
  • Wir sagen „Einschalten“, obwohl wir keinen physischen Schalter mehr umlegen, sondern einen elektronischen Impuls geben.
  • Genauso blieb der „Zollstock“ im Sprachgebrauch, auch wenn er zum „Zentimeterstab“ wurde.

Regionale Unterschiede

Interessanterweise ist der Begriff „Zollstock“ nicht überall gleich stark verbreitet:

  • In Süddeutschland, Österreich und der Schweiz sagt man häufiger „Meterstab“ oder „Doppelmeter“.
  • In manchen Fachkreisen wird er auch „Schmiege“ genannt (wobei eine Schmiege eigentlich ein verstellbares Werkzeug zum Übertragen von Winkeln ist).

Zusammenfassend: Der Name ist ein Fossil aus einer Zeit, als wir noch nicht in Zentimetern gemessen haben. Er hat überlebt, weil er griffiger ist als die korrekte Bezeichnung „Gliedermaßstab“.

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