Warum weichen die Werte von zwei verschiedenen Blutzuckermessgeräten bei zeitgleicher Messung voneinander ab?
Es ist völlig normal und technisch bedingt sogar fast unvermeidbar, dass zwei verschiedene Blutzuckermessgeräte unterschiedliche Werte anzeigen – selbst wenn die Messungen direkt hintereinander mit Blut aus demselben Finger durchgeführt werden.
Hier sind die Hauptgründe für diese Abweichungen:
1. Gesetzliche Toleranzgrenzen (ISO-Norm 15197)
Blutzuckermessgeräte müssen eine bestimmte Genauigkeit einhalten, aber sie dürfen eine gesetzlich definierte Abweichung haben. Seit 2013 gilt die Norm ISO 15197, die Folgendes besagt:
- Bei Werten über 100 mg/dL (5,6 mmol/l): Das Gerät darf um bis zu ±15 % vom tatsächlichen Laborwert abweichen.
- Bei Werten unter 100 mg/dL: Die Abweichung darf bis zu ±15 mg/dL (0,83 mmol/l) betragen.
Beispiel: Wenn Ihr tatsächlicher Blutzucker exakt 100 mg/dL beträgt, darf Gerät A 85 mg/dL anzeigen und Gerät B 115 mg/dL. Beide Geräte liegen innerhalb der Norm, obwohl sie 30 mg/dL auseinanderliegen.
2. Die Verteilung des Blutzuckers im Körper
Blutzucker ist keine statische Flüssigkeit. Die Glukosekonzentration in den Kapillaren (den feinen Gefäßen in der Fingerbeere) schwankt ständig.
- Unterschiedliche Tropfen: Der erste Tropfen Blut kann eine andere Glukosekonzentration haben als der zweite, da sich das Blut im Gewebe ständig bewegt und vermischt.
- Gewebe-Flüssigkeit: Wenn man fest am Finger drückt ("melkt"), um Blut zu gewinnen, vermischt sich das Blut mit Gewebewasser. Das verdünnt die Probe und verfälscht den Wert.
3. Rückstände an den Händen
Dies ist eine der häufigsten Fehlerquellen. Selbst kleinste Spuren von Zucker (z. B. vom Schälen eines Apfels, vom Anfassen eines Brötchens oder von Handcreme) am Finger können den Messwert massiv in die Höhe treiben. Auch Wasserreste nach dem Händewaschen können den Tropfen verdünnen.
4. Hämatokrit-Wert (Blutzusammensetzung)
Der Hämatokrit-Wert gibt an, wie hoch der Anteil der roten Blutkörperchen im Blut ist. Viele Messgeräte reagieren empfindlich darauf. Ein hoher Hämatokrit-Wert (dickflüssigeres Blut) führt oft zu niedrigeren Messwerten, ein niedriger Hämatokrit-Wert zu höheren. Verschiedene Gerätemodelle gehen unterschiedlich mit diesem Faktor um.
5. Umgebungsfaktoren und Teststreifen
- Lagerung: Teststreifen sind sehr empfindlich gegenüber Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Wenn eine Dose zu lange offen stand, können die Enzyme auf den Streifen chemisch reagieren.
- Temperatur: Wenn ein Gerät sehr kalt oder sehr warm ist, misst es ungenauer.
- Alter der Streifen: Auch innerhalb des Haltbarkeitsdatums können verschiedene Chargen von Teststreifen leicht unterschiedliche Ergebnisse liefern.
6. Unterschiedliche Kalibrierung
Manche Geräte sind auf Vollblut kalibriert, die meisten modernen Geräte jedoch auf Plasma. Obwohl die Geräte das intern umrechnen, führt dies bei einem Vergleich verschiedener Modelle oft zu Differenzen.
Was sollten Sie tun?
- Nicht vergleichen: Es macht meistens nur nervös, zwei Geräte gleichzeitig zu nutzen. Entscheiden Sie sich für ein Gerät und vertrauen Sie diesem für den Trend.
- Sauberkeit: Hände waschen und gut abtrocknen ist wichtiger als Desinfektion.
- Kontrolllösung: Wenn Sie unsicher sind, ob ein Gerät korrekt misst, nutzen Sie die passende Kontrolllösung des Herstellers statt eines zweiten Geräts.
- Laborvergleich: Den verlässlichsten Vergleich bietet eine Messung direkt beim Arzt, bei der zeitgleich mit dem Labortest eine Messung mit dem eigenen Gerät durchgeführt wird.
Fazit: Ein Blutzuckermessgerät ist kein Präzisionsinstrument wie eine Waage, sondern dient dazu, den Bereich und den Trend Ihres Zuckerspiegels zu überwachen. Abweichungen von 10-20 % sind technisch bedingt "normal".