Warum sollten geöffnete Rotweine oft „atmen“ oder dekantiert werden, bevor man sie genießt?
Das „Atmen“ oder Dekantieren von Rotwein ist kein bloßes Ritual, sondern ein chemischer Prozess, der den Geschmack und das Aroma des Weines maßgeblich beeinflussen kann. Dabei spielen vor allem zwei Faktoren eine Rolle: Sauerstoffzufuhr und (bei älteren Weinen) die Trennung von Bodensatz.
Hier sind die wichtigsten Gründe im Detail:
1. Entfaltung der Aromen (Oxidation)
Viele Rotweine sind direkt nach dem Entkorken noch „verschlossen“. Das bedeutet, dass die flüchtigen Aromastoffe noch fest gebunden sind. Wenn der Wein mit Sauerstoff in Kontakt kommt, beginnt eine leichte Oxidation.
- Der Effekt: Die Moleküle reagieren mit der Luft, und das Bukett öffnet sich. Fruchtige, würzige oder blumige Noten werden deutlicher wahrnehmbar. Ohne diesen Kontakt würde der Wein oft flach oder eindimensional schmecken.
2. Harmonisierung der Tannine (Gerbstoffe)
Rotweine enthalten Tannine, die aus den Schalen, Kernen und Stielen der Trauben sowie aus der Holzfasslagerung stammen. Diese können sich im Mund pelzig, trocken oder adstringierend anfühlen.
- Der Effekt: Der Sauerstoff sorgt dafür, dass die Tanninketten im Wein aufbrechen oder sich verbinden. Dadurch wirkt der Wein am Gaumen weicher, runder und weniger aggressiv. Besonders junge, kräftige Weine (z. B. Cabernet Sauvignon oder Barolo) profitieren stark davon.
3. Verflüchtigung unerwünschter Stoffe
In der geschlossenen Flasche können sich „reduktive“ Noten bilden – das sind leicht schwefelige Gerüche (erinnern manchmal an abgebrannte Streichhölzer oder eine leichte Muffigkeit), die entstehen, wenn der Wein lange keinen Sauerstoff gesehen hat.
- Der Effekt: Durch das Schwenken im Glas oder das Umfüllen in eine Karaffe verflüchtigen sich diese flüchtigen Schwefelverbindungen innerhalb weniger Minuten, und der reine Duft des Weines kommt zum Vorschein.
Wichtiger Unterschied: Dekantieren vs. Karaffieren
Oft werden diese Begriffe synonym verwendet, aber sie verfolgen unterschiedliche Ziele:
- Karaffieren (für junge Weine): Man gießt den Wein in eine Karaffe mit breitem Boden, um eine möglichst große Oberfläche für den Sauerstoffkontakt zu schaffen. Ziel: Den Wein „atmen“ lassen und weicher machen.
- Dekantieren (für alte Weine): Man gießt den Wein vorsichtig in ein eher schmales Gefäß, um den Wein vom Depot (dem Bodensatz aus Farbstoffen und Gerbstoffen) zu trennen. Das Depot schmeckt bitter und ist im Mund unangenehm sandig.
Vorsicht: Nicht jeder Wein verträgt viel Luft
- Junge, kräftige Weine: Vertragen oft 1 bis 3 Stunden in der Karaffe.
- Sehr alte, gereifte Weine: Hier ist Vorsicht geboten! Ein Wein, der 20 Jahre oder älter ist, hat eine sehr fragile Struktur. Zu viel Sauerstoff kann dazu führen, dass er innerhalb weniger Minuten „umkippt“ und sein Aroma komplett verliert (er schmeckt dann essigartig oder flach). Solche Weine sollten nur kurz vor dem Trinken vorsichtig dekantiert werden, um das Depot zu entfernen.
- Leichte Rotweine (z. B. einfacher Spätburgunder oder Beaujolais): Diese benötigen meist gar keine Belüftung und können direkt aus der Flasche genossen werden.
Tipp für den Alltag: Wenn du keine Karaffe hast, reicht es oft schon, den Wein in ein großbauchiges Glas zu gießen und ihm 10–15 Minuten Zeit zu geben. Das bloße Öffnen der Flasche und Stehenlassen bringt hingegen fast nichts, da der Flaschenhals zu schmal ist, als dass genügend Sauerstoff an die Oberfläche des Weins gelangen könnte.