Warum rutschen Mullbinden bei Bewegungen an Gelenken häufig ab?
Das Rutschen von Mullbinden an Gelenken ist ein bekanntes Problem in der Ersten Hilfe und Krankenpflege. Es hat primär physikalische und anatomische Ursachen. Hier sind die Hauptgründe:
1. Veränderung des Umfang (Dynamik des Gelenks)
Gelenke sind extrem beweglich. Wenn Sie zum Beispiel das Knie oder den Ellenbogen beugen, verändert sich der Umfang und die Form der Körperstelle massiv:
- Beugung: Die Haut an der Außenseite wird gedehnt, der Umfang nimmt zu.
- Streckung: Die Haut wird locker, der Umfang nimmt ab. Eine herkömmliche Mullbinde ist unelastisch. Wenn sie bei gebeugtem Gelenk fest sitzt, wird sie beim Strecken locker und rutscht. Wenn sie bei gestrecktem Gelenk fest gewickelt wird, schneidet sie bei Beugung ein.
2. Die konische Form der Gliedmaßen
Arme und Beine sind nicht zylindrisch, sondern konisch (kegelförmig) geformt – sie werden zu den Gelenken hin oft schmaler oder breiter (z. B. vom Oberschenkel zum Knie oder vom Unterarm zum Handgelenk). Durch Bewegung entsteht eine Art "Pump-Effekt". Jede Bewegung schiebt die Wicklungen der Binde unweigerlich in Richtung der schmaleren Stelle des Körperteils.
3. Materialeigenschaften (Mangelnde Elastizität und Haftung)
- Wenig Reibung: Klassische Mullbinden bestehen aus glattem Baumwoll- oder Viskosegewebe. Sie haben kaum Eigenhaftung (Adhäsion) auf der Haut oder auf den unteren Bindengängen.
- Kein "Gedächtnis": Da sie nicht elastisch sind, "leiern" sie bei einmaliger Dehnung aus. Sobald sich das Gelenk bewegt, entstehen Hohlräume zwischen Haut und Binde.
4. Die "Ziehharmonika-Wirkung"
An der Innenseite eines Gelenks (z. B. Armbeuge oder Kniekehle) staut sich das Material beim Beugen zusammen. Diese Faltenbildung erzeugt Druck, der die restlichen Windungen der Binde nach oben oder unten wegdrückt.
Wie verhindert man das Rutschen?
Um einen stabilen Verband an Gelenken anzulegen, nutzt man heute meist andere Techniken oder Materialien:
- Achtertouren (Schildkrötenverband): Man wickelt die Binde nicht einfach rundherum, sondern in Form einer Acht über das Gelenk. Dies lässt dem Gelenk Spielraum und fixiert die Binde ober- und unterhalb der Gelenkmitte.
- Elastische Fixierbinden: Statt starrer Mullbinden verwendet man heute fast nur noch elastische Binden. Diese passen sich den Umfangänderungen bei Bewegung an.
- Kohäsive (selbsthaftende) Binden: Diese Binden kleben nicht auf der Haut, aber auf sich selbst. Dadurch verrutschen die einzelnen Lagen nicht mehr gegeneinander.
- Schlauchverbände: Diese bieten gleichmäßigen Druck aus allen Richtungen und haben keine Enden, die sich abwickeln können.
- Sprühkleber oder Pflasterstreifen: In der professionellen Sportmedizin werden Binden oft mit speziellen Sprays oder Tape-Streifen zusätzlich auf der Haut fixiert.