Warum kommt es auch in der Freilandhaltung häufig zu Verhaltensstörungen wie Federpicken unter den Hennen?
Dass Federpicken auch in der Freilandhaltung auftritt, überrascht viele Verbraucher, da diese Haltungsform als besonders tiergerecht gilt. Tatsächlich ist Federpicken jedoch ein multifaktorielles Geschehen. Der Auslauf allein reicht oft nicht aus, um die komplexen Ursachen zu neutralisieren.
Hier sind die Hauptgründe, warum es auch im Freiland zu diesen Verhaltensstörungen kommt:
1. Angst vor dem offenen Gelände (Mangelnde Struktur)
Hühner stammen vom Bankivahuhn ab, einem Waldbewohner. Sie fühlen sich auf weiten, offenen Flächen unwohl, da sie dort leichte Beute für Greifvögel sind.
- Das Problem: Wenn der Auslauf eine reine Rasenfläche ohne Bäume, Sträucher oder Unterstände ist, trauen sich viele Hennen nicht weit vom Stall weg.
- Die Folge: Die Tiere drängen sich im stallnahen Bereich. Trotz theoretisch viel Platz herrscht dort eine enorme Besatzdichte, was zu Stress und Aggressionen führt.
2. Versäumnisse in der Aufzucht
Der Grundstein für Federpicken wird oft schon in den ersten Lebenswochen gelegt, bevor die Henne überhaupt in den Freilandstall kommt.
- Reizarme Umgebung: Wenn Küken in einer Umgebung ohne Pickanreize (Stroh, Picksteine, unterschiedliche Ebenen) aufwachsen, lernen sie nicht, ihr Erkundungsverhalten auf unbelebte Objekte zu richten.
- Fehlprägung: Die Suche nach Nahrung wird dann auf die Federn der Artgenossen umgeleitet. Einmal erlernt, lässt sich dieses Verhalten im späteren Freilandgehege kaum noch abstellen.
3. Zu große Gruppengruppen (Anonymität)
In der gewerblichen Freilandhaltung leben oft 3.000 oder mehr Hennen in einer Gruppe.
- Soziale Überforderung: Hühner können sich maximal ca. 50 bis 100 Artgenossen individuell merken. In riesigen Herden kann sich keine stabile Hackordnung etablieren. Die ständige Begegnung mit „Fremden“ bedeutet Dauerstress für die Tiere.
4. Genetische Veranlagung und Stoffwechseldruck
Moderne Hochleistungshennen sind darauf gezüchtet, fast jeden Tag ein Ei zu legen.
- Extremer Nährstoffbedarf: Dieser enorme Stoffwechseldruck macht die Tiere nervös. Wenn das Futter nicht exakt auf den Bedarf (insbesondere an Aminosäuren wie Methionin) abgestimmt ist, versuchen die Hennen, den Mangel durch das Fressen von Federn (die proteinhaltig sind) auszugleichen.
- Selektion: Die Zucht auf hohe Legeleistung korreliert teilweise mit einer höheren Schreckhaftigkeit und Stressanfälligkeit.
5. Ernährung und Darmgesundheit
Auch im Freiland kann es zu Fütterungsfehlern kommen.
- Ballaststoffmangel: Wenn die Hennen zu wenig Beschäftigungsmaterial zum Fressen haben, das lange im Magen bleibt, entsteht ein „Leeregefühl“.
- Parasiten: Im Freiland ist der Druck durch Darmparasiten (Würmer) oft höher als in geschlossenen Ställen. Ein kranker Darm führt zu Unwohlsein und Nährstoffmangel, was wiederum Federpicken auslösen kann.
6. Das „Nachahmer-Prinzip“
Federpicken ist ein gelerntes Verhalten. In einer großen Herde genügt oft eine einzige „Täter-Henne“, die damit beginnt. Andere Hennen beobachten dies und schauen sich das Verhalten ab (soziales Lernen). Wenn dann die ersten kahlen Stellen oder gar blutige Hautpartien sichtbar werden, wirkt das auf die gesamte Herde als starker Reiz, dort ebenfalls zu picken (Kannibalismus).
Fazit
Freilandhaltung ist ein wichtiger Schritt für das Tierwohl, aber sie ist keine Garantie für Verhaltensstabilität. Damit sie funktioniert, muss der Auslauf durch Bäume und Hecken strukturiert sein, die Aufzucht muss bereits anregend gestaltet werden, und das Management (Fütterung, Parasitenkontrolle) muss exzellent sein.
Ohne diese Begleitmaßnahmen bleibt das Huhn auch im Freiland ein gestresstes Tier, das seine Frustration an den Federn der Artgenossen auslässt.