Warum enthalten viele Multivitamin-Präparate deutlich mehr als 100 % der empfohlenen Tagesdosis (NRV) bestimmter Vitamine?

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Es mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, dass Nahrungsergänzungsmittel oft 200 %, 500 % oder sogar über 1.000 % des empfohlenen Tagesbedarfs (NRV – Nutrient Reference Values) enthalten.

Hier sind die wichtigsten Gründe für diese Überdosierungen:

1. Die Bioverfügbarkeit (Aufnahmequote)

Nicht alles, was man schluckt, kommt auch im Blut an. Viele Vitamine werden vom Körper nur zu einem geringen Prozentsatz aufgenommen.

  • Beispiel Vitamin B12: Der Körper kann pro Mahlzeit/Dosis nur eine sehr begrenzte Menge über den sogenannten „Intrinsic Factor“ (ein Transportprotein im Magen) aufnehmen. Um einen Mangel effektiv auszugleichen oder sicherzustellen, dass genug ankommt, setzen Hersteller auf extrem hohe Dosen, damit ein Teil der Aufnahme zusätzlich über passive Diffusion (einfaches Durchsickern durch die Darmwand) erfolgt.

2. NRV ist ein Mindeststandard, kein Optimum

Die NRV-Werte (in Deutschland geregelt durch die EU-Lebensmittelinformationsverordnung) geben die Menge an, die ein gesunder Durchschnittsmensch benötigt, um Mangelerscheinungen zu vermeiden.

  • Sie sind nicht unbedingt darauf ausgelegt, eine optimale Leistungsfähigkeit oder Prävention für Menschen mit erhöhtem Bedarf (Sportler, Senioren, Raucher, chronisch Kranke) abzudecken.
  • Viele Experten und Hersteller orientieren sich eher an therapeutischen Dosen oder neueren Studien, die höhere Mengen für bestimmte gesundheitliche Vorteile vorschlagen.

3. Wasserlösliche vs. fettlösliche Vitamine

Die Hersteller unterscheiden stark zwischen den Vitamin-Typen:

  • Wasserlösliche Vitamine (B-Komplex, Vitamin C): Diese können kaum überdosiert werden, da der Körper überschüssige Mengen einfach über den Urin wieder ausscheidet. Deshalb findet man hier oft extrem hohe Prozentzahlen (z. B. 1.000 % Vitamin B12 oder B6).
  • Fettlösliche Vitamine (A, D, E, K): Diese werden im Körper (Leber/Fettgewebe) gespeichert. Hier sind die Hersteller meist vorsichtiger, da eine dauerhafte, extreme Überdosierung toxisch wirken kann.

4. Stabilität und Haltbarkeit

Vitamine sind empfindliche Substanzen. Sie reagieren auf Licht, Sauerstoff, Feuchtigkeit und Wärme. Während der Lagerungszeit im Regal baut sich ein Teil der Vitamine natürlicherweise ab.

  • Hersteller geben oft eine höhere Menge hinein („Overage“), um zu garantieren, dass auch am letzten Tag des Mindesthaltbarkeitsdatums noch mindestens 100 % der angegebenen Menge enthalten sind.

5. Individueller Mehrbedarf

Bestimmte Lebensumstände erhöhen den Bedarf massiv:

  • Stress: Verbraucht vermehrt B-Vitamine und Vitamin C.
  • Sport: Durch Schweiß gehen Mineralien verloren, der Energiestoffwechsel benötigt mehr Co-Faktoren.
  • Rauchen: Raucher benötigen deutlich mehr Vitamin C, um oxidativen Stress auszugleichen.
  • Alter: Die Aufnahmefähigkeit des Darms sinkt im Alter oft ab.

6. Marketing („Viel hilft viel“)

Man darf den psychologischen Aspekt nicht unterschätzen. Ein Produkt, das mit „300 % Tagesdosis“ wirbt, wirkt auf viele Konsumenten potenter und hochwertiger als ein Produkt, das nur genau 100 % bietet, auch wenn der Körper den Überschuss vielleicht gar nicht verwerten kann.

Gibt es Risiken?

Ja, die gibt es. Auch wenn wasserlösliche Vitamine meist harmlos sind, kann eine dauerhafte, massive Überdosierung bestimmter Stoffe Nebenwirkungen haben:

  • Zu viel Vitamin B6 kann Nervenschäden verursachen.
  • Zu viel Vitamin A (Retinol) kann die Leber schädigen und Knochen schwächen.
  • Zu viel Zink kann die Aufnahme von Kupfer hemmen.

Fazit: Die hohen Prozentangaben dienen meist dazu, eine sichere Aufnahme trotz schlechter Bioverfügbarkeit und natürlichem Wirkstoffabbau zu garantieren. Dennoch sollte man vor allem bei hochdosierten Präparaten darauf achten, die „Tolerable Upper Intake Levels“ (UL) nicht dauerhaft zu überschreiten.