Warum dürfen Wago-Klemmen nicht in Umgebungen mit dauerhaft hoher Feuchtigkeit ohne zusätzliche Schutzgehäuse eingesetzt werden?
Wago-Klemmen (wie die bekannten Serien 221 oder 2273) sind für den Einsatz in trockenen Innenräumen konzipiert. Dass sie in dauerhaft feuchten Umgebungen nicht ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen (wie Abzweigdosen mit hoher IP-Schutzart oder Gelboxen) eingesetzt werden dürfen, hat mehrere physikalische und elektrotechnische Gründe:
1. Korrosion der Kontaktstellen
Das Hauptproblem bei Feuchtigkeit ist die Oxidation der metallischen Bauteile in der Klemme.
- Oxidschicht: Feuchtigkeit in Verbindung mit Luftsauerstoff führt dazu, dass die Metalloberflächen (meist verzinnte Kupferschienen) korrodieren. Es bildet sich eine nicht leitende Oxidschicht.
- Erhöhter Übergangswiderstand: Diese Schicht erhöht den elektrischen Widerstand an der Kontaktstelle zwischen Leiter und Klemme.
- Brandgefahr: Ein erhöhter Widerstand führt bei Stromfluss zu Wärmeentwicklung ($P = I^2 \cdot R$). Im schlimmsten Fall kann die Klemme so heiß werden, dass das Kunststoffgehäuse schmilzt oder ein Brand entsteht.
2. Bildung von Kriechströmen
Wasser ist (besonders wenn es durch Staub oder Salze verunreinigt ist) leitfähig.
- Kriechstrecken: Wenn sich ein Feuchtigkeitsfilm über die Klemme legt, können Ströme über die Oberfläche des Isoliergehäuses fließen (Kriechströme).
- Kurzschlussrisiko: Dies kann zu Fehlfunktionen, zum Auslösen des Fehlerstrom-Schutzschalters (FI-Schalter) oder im Extremfall zu einem Kurzschluss führen.
3. Elektrolytische Korrosion
Wenn Feuchtigkeit vorhanden ist und gleichzeitig Spannung anliegt, kommt es zur Elektrolyse.
- Hierbei wird Metall von einem Leiter zum anderen "transportiert" oder zersetzt. Dies schwächt die mechanische Festigkeit der Verbindung und zerstört die Kontaktflächen wesentlich schneller als normale Korrosion an der Luft.
4. Mechanische Beeinträchtigung der Feder
Wago-Klemmen basieren auf einer Federzugtechnik. Die Feder (meist aus Chrom-Nickel-Federstahl) sorgt für den dauerhaften Anpressdruck. Obwohl dieser Stahl sehr widerstandsfähig ist, können extreme Feuchtigkeit und aggressive Umgebungsbedingungen (z. B. ammoniakhaltige Luft in Ställen oder chlorhaltige Luft in Schwimmbädern) das Material angreifen und die Federkraft mindern.
5. Fehlende IP-Schutzklasse
Die Standard-Wago-Klemmen sind meist in der Schutzart IP20 ausgeführt.
- IP20 bedeutet: Schutz gegen feste Fremdkörper mit Durchmesser ab 12,5 mm, aber kein Schutz gegen Wasser.
- Für feuchte Umgebungen (Bad, Keller, Außenbereich) ist mindestens IP44 (spritzwassergeschützt) oder höher (z. B. IP67/68 bei Untertauchen) vorgeschrieben.
Die Lösung für feuchte Umgebungen
Wenn Wago-Klemmen in feuchten Umgebungen eingesetzt werden müssen, gibt es zwei gängige Lösungen:
- Abzweigdosen (IP54/IP65): Die Klemmen werden in einer wassergeschützten Dose verbaut, die mit entsprechenden Kabeldurchführungen (Würgenippel oder Verschraubungen) abgedichtet ist.
- Wago Gelboxen: Dies ist eine relativ neue Lösung, bei der die Klemme in eine kleine Box mit einer speziellen Gel-Füllung gelegt wird. Das Gel umschließt die Klemme wasserdicht (bis IPX8), verhindert das Eindringen von Feuchtigkeit und schützt so vor Korrosion.
Fazit: Der Verzicht auf zusätzlichen Schutz in feuchten Räumen führt unweigerlich zu einer schleichenden Verschlechterung der Verbindung, was ein erhebliches Sicherheitsrisiko (Brand- und Stromschlaggefahr) darstellt.