Nach welchen Kriterien entscheiden Sportredaktionen, welche Randsportarten neben dem dominierenden Fußball einen Platz im Heft erhalten?

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Die Entscheidung, welche Randsportarten (im Journalismus oft auch als „Präsenzsportarten“ bezeichnet) den Sprung ins Heft oder auf die Website schaffen, folgt einem komplexen Auswahlprozess, dem sogenannten Gatekeeping.

Da der Platz (Layout) und die Ressourcen (Personal) begrenzt sind, wägen Redaktionen nach folgenden Kriterien ab:

1. Erfolg und nationale Relevanz („Gold zieht“)

Das wichtigste Kriterium ist der sportliche Erfolg von Athleten aus dem eigenen Land oder der Region.

  • Medaillenchancen: Wenn eine deutsche Meisterschaft, EM oder WM ansteht und realistische Chancen auf Podestplätze bestehen, steigt der Nachrichtenwert massiv.
  • Der „Boris-Becker-Effekt“: Ein einzelner Ausnahmeathlet kann eine Randsportart (wie damals Tennis, später Formel 1 mit Schumacher oder aktuell Darts) temporär in den Mainstream heben.

2. Regionalität (Lokaler Bezug)

Für Regionalzeitungen oder lokale Sportmagazine ist die Geografie entscheidend.

  • Ein lokaler Verein, der in der 2. Bundesliga im Wasserball spielt, bekommt in der Lokalzeitung mehr Platz als die Weltspitze im Badminton.
  • Heimatnähe: Wenn ein Sportler aus dem Verbreitungsgebiet an den Olympischen Spielen teilnimmt, ist das ein gesetztes Thema, egal wie nischig die Sportart ist.

3. Personalisierung und Storytelling

Sportredaktionen suchen Geschichten, nicht nur Ergebnisse. Eine Randsportart wird dann interessant, wenn sie „Typen“ bietet.

  • Human Interest: Hat der Sportler ein besonderes Schicksal? Übt er einen skurrilen Beruf nebenher aus?
  • Konflikte: Gibt es Rivalitäten oder einen Verbandskrieg? Geschichten über Menschen verkaufen sich besser als reine Spielberichte.

4. Event-Charakter und Saisonalität

Randsportarten haben Konjunkturzyklen.

  • Olympische Spiele: Alle vier Jahre rücken Sportarten wie Rudern, Fechten oder Kanu in den Fokus, die sonst kaum stattfinden.
  • Sommerloch/Winterpause: Wenn der Profifußball pausiert, steigt die Chance für andere Sportarten (z. B. Tour de France im Juli oder die Vierschanzentournee um den Jahreswechsel), die „Lücke“ zu füllen.

5. Visuelle Kraft (Ästhetik)

Gerade für Printmagazine (das „Heft“) spielt die Optik eine Rolle.

  • Sportarten, die spektakuläre Bilder liefern (z. B. Surfen, Klettern, Mountainbike, Ski-Freestyle), haben bessere Chancen auf eine Doppelseite als Sportarten, die fotografisch schwer einzufangen sind (z. B. Sportschießen oder Schach).

6. Die „TV-Lokomotive“

Redaktionen orientieren sich oft an den Sendeplänen der großen TV-Anstalten (ARD/ZDF/Eurosport).

  • Wenn eine Sportart live im Fernsehen übertragen wird, ist das Interesse der Leser nachweislich höher. Die Redaktion fungiert hier als „Begleitmedium“. Wenn die ARD die Finals überträgt, ziehen die Sportmagazine mit entsprechenden Hintergrundberichten nach.

7. Zielgruppenrelevanz und Trends

Die Redaktion analysiert, was die eigene Leserschaft selbst tut.

  • Aktivsport-Faktor: Sportarten wie Triathlon, Marathon oder Rennradfahren haben viele aktive Hobby-Sportler. Diese Leser interessieren sich für Materialtests, Trainingspläne und Berichte über Profis, weil sie den Sport selbst ausüben.
  • Trend-Faktor: Neue Sportarten wie Padel-Tennis oder E-Sport werden oft aufgenommen, um ein jüngeres Publikum zu erreichen oder Innovation zu signalisieren.

8. Tradition und Lobby

Manchmal spielen auch langjährige Beziehungen eine Rolle.

  • Hat das Magazin eine Tradition in der Berichterstattung über Leichtathletik, wird es diese auch in schwächeren Jahren beibehalten, um die Stammleserschaft nicht zu verprellen.
  • Auch die Qualität der Pressearbeit der Verbände spielt hinein: Ein Verband, der proaktiv gute Informationen und druckfähige Bilder liefert, landet eher im Heft.

Zusammenfassung

Eine Randsportart schafft es meist dann ins Heft, wenn sie eines der drei „G“ erfüllt:

  1. Gold (Erfolg)
  2. Gänsehaut (Emotionale Geschichte)
  3. Gegend (Regionaler Bezug)

Ohne diese Ankerpunkte bleibt der Platz fast ausschließlich dem Fußball vorbehalten, da dieser die stabilsten Verkaufs- und Klickzahlen garantiert.