Inwiefern unterdrückt der Anspruch auf Objektivität die berechtigten Perspektiven von Minderheiten?
Die Kritik am klassischen Anspruch auf Objektivität ist ein zentrales Thema der kritischen Theorie, der Postkolonialen Studien und der feministischen Wissenschaftskritik. Das Argument lautet nicht, dass Wahrheit oder Fakten existieren sollten, sondern dass das, was wir als „objektiv“ bezeichnen, oft eine getarnte privilegierte Perspektive ist.
Hier sind die wichtigsten Mechanismen, wie der Anspruch auf Objektivität die Perspektiven von Minderheiten unterdrücken kann:
1. Die „Sicht von nirgendwo“ (The View from Nowhere)
Der Philosoph Thomas Nagel prägte diesen Begriff. Der Anspruch auf Objektivität suggeriert, dass es möglich sei, einen neutralen Standpunkt außerhalb der eigenen Identität, Kultur und Geschichte einzunehmen.
- Das Problem: In der Praxis wird die Perspektive der dominanten Gruppe (historisch meist weiß, männlich, westlich, heterosexuell) als der „neutrale Standard“ definiert.
- Die Folge: Perspektiven von Minderheiten werden als „subjektiv“, „betroffen“ oder „politisch motiviert“ markiert, während die herrschende Meinung als „faktisch“ und „neutral“ gilt. Wer von der Norm abweicht, muss seine Identität thematisieren; wer der Norm entspricht, scheint „einfach nur die Wahrheit“ zu sagen.
2. Epistemische Ungerechtigkeit
Die Philosophin Miranda Fricker beschreibt zwei Formen der Ungerechtigkeit, die hier greifen:
- Testimoniale Ungerechtigkeit: Aussagen von Angehörigen von Minderheiten wird aufgrund von Vorurteilen weniger Glaubwürdigkeit beigemessen. Ihr Erleben wird nicht als „objektives Wissen“, sondern als „anekdotische Evidenz“ oder „Gefühl“ abgetan.
- Hermeneutische Ungerechtigkeit: Wenn die Sprache und die Konzepte einer Gesellschaft nur von der Mehrheit geformt wurden, fehlen Minderheiten oft die Begriffe, um ihre Diskriminierungserfahrungen „objektiv“ zu beschreiben. (Beispiel: Bevor der Begriff „sexuelle Belästigung“ existierte, wurden entsprechende Erfahrungen oft als privates Unbehagen abgetan, statt als strukturelles Problem anerkannt zu werden.)
3. Die Abwertung von „Lived Experience“ (Gelebte Erfahrung)
Objektivität fordert oft Distanz und Emotionslosigkeit.
- Das Problem: Für Minderheiten sind Themen wie Rassismus oder Diskriminierung keine abstrakten intellektuellen Debatten, sondern existenzielle Realitäten.
- Die Folge: Wenn eine Person emotional auf Ungerechtigkeit reagiert, wird ihr oft vorgeworfen, sie sei „nicht sachlich genug“. Dieser sogenannte Tone Policing nutzt den Objektivitätsanspruch, um den Inhalt einer Kritik zu ignorieren, indem man die Form der Kritik (die Emotion) angreift.
4. Definitionsmacht in der Wissenschaft
Wer entscheidet, was als „valide Daten“ gilt?
- Das Problem: Lange Zeit galt medizinische Forschung an männlichen Körpern als „objektiver Standard“ für die Menschheit. Die spezifischen Symptome oder Bedürfnisse von Frauen oder ethnischen Minderheiten wurden als „Abweichungen“ ignoriert.
- Die Folge: Der Anspruch, allgemeingültige (objektive) Aussagen zu treffen, führt dazu, dass die Besonderheiten von Minderheiten statistisch weggeschmälert werden. Was nicht in die „objektive“ Norm passt, fällt durch das Raster.
5. Standpunkt-Theorie (Standpoint Theory) als Gegenentwurf
Denkerinnen wie Donna Haraway oder Sandra Harding argumentieren, dass wahre Objektivität nur durch „situiertes Wissen“ (Situated Knowledges) erreicht werden kann.
- Das Argument: Eine marginalisierte Person sieht oft mehr von der Realität als eine privilegierte Person, weil sie sowohl die herrschende Norm als auch die Auswirkungen der Ausgrenzung kennt (Doppeltes Bewusstsein nach W.E.B. Du Bois).
- Die Forderung: Anstatt Objektivität als „Neutralität“ zu verstehen, sollte sie als die Zusammenschau vieler verschiedener, situierter Perspektiven verstanden werden. Harding nennt dies „Starke Objektivität“.
Fazit
Der Anspruch auf Objektivität unterdrückt Minderheiten dann, wenn er als Machtinstrument eingesetzt wird, um:
- Die eigene (dominante) Sichtweise als universelle Wahrheit zu tarnen.
- Abweichende Erfahrungen als „unwissenschaftlich“ oder „emotional“ abzuwerten.
- Strukturelle Probleme in eine Sprache der individuellen Neutralität zu übersetzen, die die Ursachen der Unterdrückung unsichtbar macht.
Echte Objektivität würde erfordern, die eigene Positionierung (Positionality) offenzulegen, statt vorzugeben, man habe keine.