Ist absolute Objektivität für menschliche Beobachter überhaupt erreichbar?
Die kurze Antwort aus der Sicht der meisten modernen Philosophen, Kognitionswissenschaftler und Physiker lautet: Nein, absolute Objektivität ist für menschliche Beobachter nicht erreichbar.
Man kann Objektivität eher als ein „regulatives Ideal“ betrachten – ein Ziel, dem wir uns annähern können, das wir aber aufgrund unserer biologischen und kognitiven Beschaffenheit niemals vollständig erreichen werden.
Hier sind die wichtigsten Gründe, warum absolute Objektivität für uns unmöglich ist:
1. Die biologische Filterung (Neurobiologie)
Unser Gehirn „fotografiert“ die Welt nicht, es konstruiert sie. Unsere Sinnesorgane nehmen nur einen winzigen Bruchteil der physikalischen Realität wahr (wir sehen kein UV-Licht, hören keinen Ultraschall, spüren keine Magnetfelder). Diese gefilterten Daten werden vom Gehirn interpretiert, basierend auf Mustern, die für unser Überleben nützlich sind, nicht unbedingt auf der Suche nach der „letzten Wahrheit“.
2. Die Unhintergehbarkeit der Perspektive (Philosophie)
Der Philosoph Thomas Nagel prägte den Begriff des „Blicks von nirgendwo“ (The View from Nowhere). Er argumentierte, dass jede Beobachtung immer von irgendwoher erfolgt – aus einer bestimmten Position, zu einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten Körper.
- Immanuel Kant unterschied bereits zwischen dem „Ding an sich“ (wie die Welt wirklich ist) und der „Erscheinung“ (wie wir sie wahrnehmen). Da wir immer durch die „Brille“ von Raum, Zeit und Kategorien wie Kausalität blicken, können wir die Welt niemals ohne diese Filter sehen.
- Friedrich Nietzsche vertrat den Perspektivismus: Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen. Jede Erkenntnis ist an die Bedürfnisse und die Perspektive des Erkennenden gebunden.
3. Kognitive Verzerrungen (Psychologie)
Selbst wenn wir uns bemühen, neutral zu sein, arbeitet unser Unterbewusstsein gegen uns. Wir unterliegen dem Bestätigungsfehler (Confirmation Bias), der uns Informationen so filtern lässt, dass sie unser bestehendes Weltbild stützen. Unsere Erziehung, unsere Sprache und unsere Kultur bilden einen Rahmen (Framing), den wir nicht einfach ablegen können.
4. Die Sprache als Grenze
Wir denken in Sprache. Sprache ist jedoch ein System von Symbolen, das die Realität vereinfacht und kategorisiert. Wörter tragen kulturelle und emotionale Lasten. Sobald wir versuchen, eine objektive Beobachtung in Worte zu fassen, pressen wir die flüssige Realität in starre, subjektiv geprägte Begriffe.
5. Die Quantenphysik (Physik)
Sogar in der „härtesten“ aller Wissenschaften, der Physik, hat sich gezeigt, dass der Beobachter und das beobachtete System nicht vollständig trennbar sind. Die Heisenbergsche Unschärferelation und der Beobachtereffekt legen nahe, dass der Akt der Messung das Ergebnis beeinflusst. Eine völlig unabhängige Beobachtung der Realität ist physikalisch auf fundamentaler Ebene ausgeschlossen.
Was wir stattdessen haben: Intersubjektivität
Da absolute Objektivität unerreichbar ist, nutzt die Wissenschaft und die Gesellschaft die Intersubjektivität als Ersatz.
- Definition: Wenn viele verschiedene Subjekte (Beobachter) mit unterschiedlichen Perspektiven und Methoden zum selben Ergebnis kommen, betrachten wir dieses Ergebnis als „objektiv“ (im Sinne von „verlässlich“ oder „wahr“).
- Die wissenschaftliche Methode ist im Grunde ein System, um menschliche Subjektivität durch Peer-Review, Reproduzierbarkeit und Falsifikation so weit wie möglich zu minimieren.
Fazit
Absolute Objektivität ist für den Menschen eine Asymptote: Wir können die Kurve immer weiter in Richtung Objektivität biegen, indem wir unsere Vorurteile prüfen, Daten sammeln und verschiedene Perspektiven einnehmen, aber wir werden den Nullpunkt der vollkommenen neutralen Wahrheit niemals berühren.
Wir bleiben immer Gefangene unseres eigenen Bewusstseins – aber wir können versuchen, die Fenster unserer Zelle so weit wie möglich zu putzen.