Inwiefern kontrolliert das organisierte Verbrechen den Handel mit Avocados in bestimmten Anbauregionen?
Der Handel mit Avocados, oft als „grünes Gold“ bezeichnet, ist in den letzten Jahren zu einem Milliardengeschäft geworden. Besonders in Mexiko, dem weltweit größten Produzenten, hat dieses lukrative Geschäft das Interesse des organisierten Verbrechens geweckt.
Hier ist eine detaillierte Analyse, wie und in welchem Maße Drogenkartelle diesen Sektor kontrollieren:
1. Das Epizentrum: Michoacán
Der mexikanische Bundesstaat Michoacán ist weltweit die wichtigste Anbauregion für Avocados. Er ist einer der wenigen Orte, die die strengen Zertifizierungen für den Export in die USA erfüllen. Da Avocados dort profitabler sein können als Marihuana oder Mohn, haben Kartelle wie das Cártel Jalisco Nueva Generación (CJNG), die Viagras und die Familia Michoacana ihre Aktivitäten diversifiziert.
2. Methoden der Kontrolle
Das organisierte Verbrechen kontrolliert den Sektor nicht unbedingt durch den Anbau selbst, sondern durch die systematische Ausbeutung der gesamten Wertschöpfungskette:
- Schutzgelderpressung (Cobro de Piso): Dies ist die häufigste Form. Bauern, Verpackungsunternehmer und Lkw-Fahrer müssen pro geerntetem Kilo oder pro Hektar Land eine „Steuer“ an die Kartelle zahlen. Wer nicht zahlt, riskiert Entführungen, Brandanschläge auf Plantagen oder Mord.
- Landraub und illegale Enteignung: Kartelle zwingen Landbesitzer oft mit Waffengewalt, ihre Plantagen weit unter Wert zu verkaufen oder einfach zu überschreiben.
- Infiltration der Lieferkette: Kriminelle Gruppen kontrollieren teilweise die Logistik. Sie bestimmen, welche Lastwagen fahren dürfen, und rauben Konkurrenten oder nicht zahlungswillige Produzenten aus.
- Kontrolle der Wasserrechte: Da Avocados extrem wasserintensiv sind, kontrollieren Kartelle in einigen Regionen illegal die Wasserquellen und Brunnen, um Bauern gefügig zu machen.
3. Umweltzerstörung und illegale Abholzung
Um die Gewinne zu maximieren, fördern die Kartelle die illegale Ausweitung von Anbauflächen.
- Brandrodung: Wälder (oft geschützte Pinien- und Eichenwälder) werden illegal abgebrannt, um Platz für Avocado-Plantagen zu schaffen. Da das Abbrennen von Wald für Landwirtschaft eigentlich verboten ist, nutzen die Kartelle ihre Macht, um lokale Behörden einzuschüchtern oder zu bestechen, damit diese wegschauen.
- Dies hat verheerende Folgen für die Biodiversität und den Wasserhaushalt der Regionen.
4. Einfluss auf den internationalen Handel
Die Macht der Kartelle ist so groß, dass sie sogar die diplomatischen Beziehungen beeinflussen:
- Bedrohung von US-Inspektoren: Mehrfach (zuletzt 2022 und 2024) setzten die USA den Import von Avocados aus Michoacán vorübergehend aus, nachdem Inspektoren des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA), die die Qualität und Sicherheit vor Ort prüfen, von Kartellmitgliedern bedroht worden waren. Solche Importstopps führen weltweit zu massiven Preissprüngen.
5. Die Reaktion der Bauern: Autodefensas
Da der Staat oft nicht in der Lage oder (aufgrund von Korruption) nicht willens ist, die Bauern zu schützen, haben sich in Regionen wie Uruapan Bürgerwehren (Autodefensas) gebildet. Diese bewaffneten Gruppen von Bauern bewachen ihre Plantagen und Zufahrtswege selbst. Allerdings ist die Grenze oft fließend: Manche dieser Selbstverteidigungsgruppen wurden im Laufe der Zeit selbst von rivalisierenden Kartellen infiltriert oder übernommen.
6. Warum ist das für Verbraucher relevant?
Wenn wir in Europa oder den USA Avocados kaufen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Teil des Preises indirekt in die Taschen krimineller Organisationen geflossen ist – insbesondere bei Ware aus Mexiko.
- Preise: Die „Kartell-Steuer“ wird auf die Konsumenten umgelegt.
- Ethik: Ähnlich wie bei „Blutdiamanten“ wird in der Politikwissenschaft zunehmend der Begriff „Blut-Avocados“ verwendet, um auf die Gewalt und die Menschenrechtsverletzungen hinter dem Produkt hinzuweisen.
Fazit
In Regionen wie Michoacán kontrolliert das organisierte Verbrechen den Avocado-Handel durch eine Mischung aus parasitärer Erpressung und direkter Gewalt. Es handelt sich um eine Form der „kriminellen Governance“, bei der das Kartell wie ein Schattenstaat agiert, der Steuern erhebt und die wirtschaftliche Ordnung bestimmt. Während andere Anbauländer (wie Peru, Chile oder Spanien) weniger von diesem spezifischen Problem betroffen sind, bleibt Mexiko aufgrund der enormen Gewinnspannen das Hauptziel krimineller Strukturen.