Erschwert Bio-Kunststoff das Recycling von herkömmlichen Plastikabfällen in der Sortieranlage?
Die kurze Antwort lautet: Ja, Bio-Kunststoffe erschweren aktuell das Recycling von herkömmlichem Plastik, wobei es stark darauf ankommt, um welche Art von Bio-Kunststoff es sich handelt.
Man muss hierbei zwischen zwei grundlegenden Kategorien unterscheiden:
1. „Drop-in“-Biokunststoffe (Bio-basiert, aber nicht biologisch abbaubar)
Diese Kunststoffe (z. B. Bio-PE oder Bio-PET) werden aus nachwachsenden Rohstoffen (wie Zuckerrohr) hergestellt, sind aber chemisch identisch mit herkömmlichem Plastik auf Erdölbasis.
- Auswirkung auf das Recycling: Keine. Da sie chemisch gleich sind, können sie problemlos zusammen mit herkömmlichem PE oder PET recycelt werden. Die Sortieranlagen erkennen keinen Unterschied, und die Qualität des Rezyklats wird nicht beeinträchtigt.
2. Biologisch abbaubare Kunststoffe (z. B. PLA)
Hier liegt das eigentliche Problem. Kunststoffe wie PLA (Polymilchsäure), die oft für Trinkbecher, Folien oder Joghurtbecher verwendet werden, haben eine andere chemische Struktur als herkömmliche Kunststoffe wie PET.
- Das Problem der Sortierung: Moderne Sortieranlagen arbeiten mit Nahinfrarot-Sensoren (NIR). Diese können PLA zwar erkennen, aber die Mengen an PLA im gelben Sack sind derzeit oft noch zu gering, als dass sich eine eigene Sortiergruppe lohnen würde.
- Verunreinigung des Rezyklats: Wenn PLA nicht sauber aussortiert wird und im PET-Strom landet, verschlechtert es die Qualität des recykelten Kunststoffs massiv. PLA hat eine niedrigere Schmelztemperatur als PET. Wenn daraus neue Flaschen oder Produkte entstehen sollen, führt das PLA zu Trübungen, Verfärbungen oder mechanischen Schwachstellen im Material. Schon geringe Mengen PLA können eine ganze Charge Recycling-PET unbrauchbar für hochwertige Anwendungen machen.
- Verlust von Material: Da die Anlagen PLA oft nicht sinnvoll verwerten können, wird es meist zusammen mit dem Restabfall aussortiert und verbrannt (thermische Verwertung), anstatt stofflich recycelt zu werden.
Warum „kompostierbar“ oft keine Lösung ist
Viele Verbraucher denken, Bio-Plastik gehöre in die Biotonne. Das ist jedoch ein Irrtum:
- Industrielle Kompostierung: In der Theorie sind diese Kunststoffe kompostierbar, aber die industriellen Kompostieranlagen arbeiten viel zu schnell (meist 4–6 Wochen). Bio-Plastik braucht oft deutlich länger, um zu zerfallen.
- Aussortierung als Störstoff: Da die Betreiber der Kompostieranlagen nicht auf den ersten Blick zwischen herkömmlichem Plastik und Bio-Plastik unterscheiden können, sortieren sie vorsichtshalber alles aus, was wie Plastik aussieht, und schicken es in die Müllverbrennung.
Zusammenfassung: Warum es das Recycling erschwert
- Geringe Mengen: Es gibt zu viele verschiedene Bio-Kunststoffe in zu geringen Mengen, als dass sich separate Recyclingstraßen wirtschaftlich lohnen würden.
- Fehlsortierung: Verbraucher werfen Bio-Plastik oft in die Biotonne (wo es stört) oder in den gelben Sack (wo es das herkömmliche Recycling verunreinigt).
- Qualitätsverlust: Wenn biologisch abbaubare Kunststoffe (wie PLA) in den Recyclingstrom von Standardkunststoffen (wie PET) gelangen, sinkt die Qualität des Endprodukts (Downcycling statt Recycling).
Fazit: Solange Bio-Kunststoffe (insbesondere PLA) nicht in sortenreinen Massen anfallen, sind sie für die aktuelle Recycling-Infrastruktur eher ein Fremdkörper und ein Hindernis für eine hochwertige Kreislaufwirtschaft. Die beste Lösung ist derzeit immer noch die Vermeidung von Einwegplastik, egal ob „Bio“ oder konventionell.