Wozu dienten die kreisförmigen Metallstäbe (die sogenannten Tuch- und Längenellen), die links vom Haupteingang in der Mauer eingelassen sind?
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Diese kreisförmigen Metallstäbe, die sich links vom Haupteingang (dem Riesentor) des Wiener Stephansdoms befinden, dienten im Mittelalter und der frühen Neuzeit als offizielle Längenmaße (Eichmaße) für den Handel.
Hier sind die Details zu ihrer Funktion:
- Standardisierung für den Handel: Da es damals noch kein einheitliches metrisches System (wie den Meter) gab, hatte fast jede größere Stadt ihre eigenen Maßeinheiten. Damit Händler und Käufer sicher sein konnten, dass fair gemessen wurde, brachte die Stadtverwaltung diese eisernen Stäbe an einem öffentlichen, zentralen Ort an.
- Verbraucherschutz: Wenn ein Bürger auf dem nahegelegenen Markt Stoffe (Tuch oder Leinen) kaufte und das Gefühl hatte, vom Händler betrogen worden zu sein, konnte er zum Stephansdom gehen und die Ware an den dort eingelassenen Metallstäben nachmessen.
- Die verschiedenen Ellen:
- Die Tuchelle (ca. 77,6 cm): Sie war das Maß für Wollstoffe und Tuche.
- Die Leinenelle (ca. 89,6 cm): Da Leinen beim Waschen stärker einläuft als Wolle, war das Maß für Leinen etwas länger, um diesen Schwund auszugleichen.
- Symbolischer Ort: Dass sich diese Maße an der Kirchenmauer befinden, hat eine tiefere Bedeutung: Die Kirche galt als Ort der Wahrheit und Gerechtigkeit. Ein Betrug beim Maßnehmen wurde nicht nur als weltliches Vergehen, sondern auch als Sünde vor Gott angesehen.
Zusatzinfo: Direkt neben den Ellenstäben findet man oft auch eine kreisförmige Vertiefung in der Mauer. Diese diente der Legende nach als Prüfmaß für die Größe von Brotlaiben. Bäcker, deren Brot zu klein oder zu leicht war, mussten mit harten Strafen (wie dem „Bäckerschupfen“ in der Donau) rechnen. Tatsächlich handelt es sich bei der Vertiefung aber wahrscheinlich eher um Abnutzungsspuren von Türbeschlägen oder Halterungen, auch wenn die Legende vom Brotmaß sehr populär ist.