Woher stammt die Redewendung „alles über einen Kamm scheren“ und was bedeutete sie ursprünglich?

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Die Redewendung „alles über einen Kamm scheren“ bedeutet heute, dass man feine Unterschiede ignoriert und verschiedene Dinge oder Menschen undifferenziert gleich behandelt (meist in negativem Sinne verallgemeinert).

Ihre Herkunft lässt sich auf zwei wesentliche Bereiche zurückführen: das Friseurhandwerk und das mittelalterliche Recht.

1. Die praktische Herkunft: Das Haareschneiden

Der Ursprung liegt wortwörtlich beim Scheren von Haaren oder Fell. Früher nutzten Barbiere und Schafscherer einen Kamm als Hilfsmittel und Abstandshalter.

  • Wenn man die Haare „über den Kamm“ schert, legt man den Kamm flach auf den Kopf und schneidet alles ab, was oben herausragt.
  • Das Ergebnis: Alle Haare haben exakt die gleiche Länge. Es wird keine Rücksicht auf die individuelle Kopfform, Haarstruktur oder einen modischen Schnitt genommen. Es wird alles vereinheitlicht.

2. Die rechtshistorische Herkunft: Eine entehrende Strafe

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatte das Scheren des Kopfes eine tiefe soziale Bedeutung. Volles, langes Haar galt als Zeichen der Freiheit und Ehre. Das Scheren der Haare hingegen war eine Ehrenstrafe für Verbrecher oder „ehrlose“ Leute.

Wenn man nun Menschen „über einen Kamm scherte“, bedeutete das im übertragenen Sinne:

  • Man behandelte sie alle wie Kriminelle oder Unfreie.
  • Man machte keine Unterschiede zwischen ihrem tatsächlichen Stand oder ihren Taten.
  • Wer „über den Kamm geschoren“ wurde, wurde gedemütigt und mit einer stigmatisierten Gruppe auf eine Stufe gestellt.

Die ursprüngliche Bedeutung

Ursprünglich schwang in der Redewendung eine deutlich stärkere Komponente der Herabwürdigung mit. Jemandem die Haare über den Kamm zu scheren, hieß, ihm seine Individualität und seine Ehre zu nehmen und ihn einer untergeordneten oder kriminellen Masse gleichzustellen.

Zusammenfassung

Die Redewendung verbindet das handwerkliche Gleichmachen (alle Haare auf eine Länge) mit der sozialen Gleichstellung (alle Personen als gleich schlecht/minderwertig ansehen). Heute wird sie fast nur noch im Sinne einer unzulässigen Verallgemeinerung gebraucht.

Interessanter Fakt: Es gibt eine ähnliche, aber seltenere Redewendung: „Alles über einen Leisten schlagen“. Diese kommt aus dem Schuhmacherhandwerk (der Leisten ist das Holzmodell des Fußes), meint aber im Grunde dasselbe: Verschiedene Dinge mit demselben Standardmaß zu messen.