Wird durch die Einordnung als „Frauenzeitschrift“ eine journalistische Abwertung gegenüber „allgemeiner“ Presse suggeriert?
Die Frage, ob die Einordnung als „Frauenzeitschrift“ eine journalistische Abwertung impliziert, lässt sich aus medienwissenschaftlicher und soziologischer Sicht tendenziell mit Ja beantworten. Obwohl sich das Genre stark wandelt, haftet dem Begriff oft ein Stigma an.
Hier sind die zentralen Gründe für diese suggerierte Abwertung und die Mechanismen, die dahinterstehen:
1. Die Hierarchie von „Hard News“ und „Soft News“
In der journalistischen Tradition gibt es eine klare (oft geschlechtsspezifisch kodierte) Trennung:
- Hard News: Politik, Wirtschaft, Finanzen, Auslandsmeldungen. Diese gelten als „relevant“, „seriös“ und „männlich“ konnotiert.
- Soft News: Lifestyle, Mode, Kochen, Psychologie, Partnerschaft. Diese Themen bilden den Kern klassischer Frauenzeitschriften und werden oft als „trivial“, „unterhaltend“ oder „weniger wichtig“ herabgestuft.
Indem ein Medium als „Frauenzeitschrift“ gelabelt wird, wird es automatisch in die Kategorie „Soft News“ einsortiert, was in einer männlich geprägten Medienhierarchie einen Prestigeverlust bedeutet.
2. „Allgemein“ als männlicher Standard
Der Begriff „allgemeine Presse“ oder „Publikumszeitschrift“ wird oft als neutraler Standard wahrgenommen. In der Sprachwissenschaft und Soziologie ist jedoch bekannt: Das „Allgemeine“ war historisch oft das „Männliche“.
- Eine politische Wochenzeitung wie Die Zeit wird als Medium für alle (universell) wahrgenommen.
- Eine Brigitte oder Vogue wird als Medium für eine Spezialgruppe (partikular) wahrgenommen.
Diese Einordnung suggeriert, dass Frauenthemen eine Abweichung von der Norm seien und nicht den „allgemeinen“ (menschlichen) Diskurs widerspiegeln, sondern nur eine Nische bedienen – obwohl Frauen die Hälfte der Bevölkerung stellen.
3. Die Trivialisierungsfalle
Frauenzeitschriften wird oft vorgeworfen, sie würden ihre Leserinnen in einer „rosa Blase“ halten. Die Kritik lautet häufig, sie reduzierten Frauen auf Konsum (Mode/Beauty) und häusliche Rollen (Kochen/Erziehung). Selbst wenn eine Frauenzeitschrift tiefgründige Reportagen oder politische Analysen veröffentlicht, führt das Label dazu, dass diese Inhalte von der breiten (männlichen) Öffentlichkeit oder der Medienkritik oft ignoriert oder als „Ratgeberjournalismus“ belächelt werden.
4. Ökonomischer Erfolg vs. Journalistisches Prestige
Interessanterweise besteht eine Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher Macht und Prestige: Frauenzeitschriften sind oft extrem auflagenstark und finanziell erfolgreich. Dennoch gewinnen Redakteurinnen dieser Blätter seltener renommierte (allgemeine) Journalistenpreise, da ihre Arbeit häufig unter „Gebrauchsjournalismus“ verbucht wird, während investigative Leistungen in der „allgemeinen Presse“ höher bewertet werden.
5. Der Gegenentwurf: Emanzipatorische Medien
In den letzten Jahren gibt es eine Gegenbewegung. Magazine wie Missy Magazine, Emma oder internationale Titel wie The Gentlewoman versuchen, den Fokus zu verschieben. Sie zeigen, dass Journalismus „für Frauen“ hochpolitisch und intellektuell anspruchsvoll sein kann. Dennoch wählen viele moderne Medien für Frauen heute eher Bezeichnungen wie „Lifestyle-Magazin“, „Feministisches Magazin“ oder „Society-Magazin“, um der negativen Konnotation des klassischen Begriffs „Frauenzeitschrift“ zu entgehen.
Fazit
Die Bezeichnung „Frauenzeitschrift“ wirkt oft wie eine journalistische Verkleinerungsform. Sie suggeriert:
- Dass die Themen für die Allgemeinheit (Männer) irrelevant sind.
- Dass der journalistische Anspruch eher in der Unterhaltung und dem Service als in der Kritik und Kontrolle der Mächtigen liegt.
Obwohl viele Frauenzeitschriften qualitativ hochwertigen Journalismus bieten, bleibt das Label ein Werkzeug der Marginalisierung, solange „weiblich konnotierte“ Themen in der Gesellschaft als weniger wertvoll erachtet werden als „männlich konnotierte“.