Wie wirkt sich eine zu hohe Luftfeuchtigkeit auf die Festigkeit von Putzmörtel aus?
Eine zu hohe Luftfeuchtigkeit während der Verarbeitung und der anschließenden Standzeit (Trocknungsphase) hat erhebliche negative Auswirkungen auf die Festigkeit und Dauerhaftigkeit von Putzmörtel. Dabei muss man zwischen der chemischen Erhärtung und der physikalischen Trocknung unterscheiden.
Hier sind die wichtigsten Auswirkungen im Detail:
1. Verzögerung der Erhärtung und Hydratation
Putzmörtel (insbesondere auf Zement- oder Kalkbasis) benötigen Wasser für die chemische Reaktion (Hydratation). Eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit verhindert jedoch, dass überschüssiges Anmachwasser verdunstet.
- Die Folge: Der Putz bleibt zu lange "weich". Die Ausbildung des stabilen Kristallgefüges wird verzögert. Wenn der Putz über einen zu langen Zeitraum nass bleibt, kann die Endfestigkeit negativ beeinflusst werden, da sich die Porenstruktur anders entwickelt als vorgesehen.
2. Erhöhte Porosität und geringere Druckfestigkeit
Die Festigkeit eines Mörtels hängt eng mit seinem Wasser-Bindemittel-Wert zusammen.
- Die Folge: Wenn die Feuchtigkeit nicht entweichen kann oder durch hohe Luftfeuchtigkeit sogar wieder aufgenommen wird, vergrößert sich das Volumen der Kapillarporen im Mörtelgefüge. Ein grobporigeres Gefüge führt zwangsläufig zu einer geringeren Druck- und Biegezugfestigkeit. Der Putz wird "mürbe".
3. Behinderung der Carbonatisierung (bei Kalkputzen)
Reine Kalkputze härten durch die Aufnahme von CO₂ aus der Luft aus (Carbonatisierung).
- Die Folge: Sind die Poren des Putzes aufgrund hoher Luftfeuchtigkeit vollständig mit Wasser gefüllt, kann das CO₂ nicht in den Putz eindringen (Gasdiffusion ist in Wasser viel langsamer als in Luft). Die Erhärtung kommt zum Stillstand. Der Putz bleibt im Kern instabil.
4. Besonderes Risiko bei Gipsputzen
Gipsputze sind besonders empfindlich gegenüber Feuchtigkeit.
- Die Folge: Gips ist leicht wasserlöslich. Bei einer dauerhaften Luftfeuchtigkeit von über 70–80 % verliert Gips massiv an Festigkeit. Er kann sogar wieder weich werden ("verfaulen"). Zudem droht bei Gipsputz unter hoher Feuchtigkeit sehr schnell Schimmelbildung.
5. Reduzierte Flankenhaftung
Damit ein Putz hält, muss er eine feste Verbindung mit dem Untergrund eingehen.
- Die Folge: Hohe Luftfeuchtigkeit kann dazu führen, dass sich ein Feuchtigkeitsfilm zwischen Untergrund und Putz bildet oder die Abtrocknung an der Grenzfläche so stark verzögert wird, dass die Haftzugfestigkeit sinkt. Der Putz kann hohl klingen oder großflächig abplatzen.
6. Ausblühungen und Gefügeschäden
Wenn die Feuchtigkeit über einen sehr langen Zeitraum im Putz bleibt und nur langsam verdunstet, werden Salze aus dem Mauerwerk oder dem Mörtel an die Oberfläche transportiert.
- Die Folge: Es entstehen Ausblühungen (Salzkristalle). Dieser Kristallisationsdruck kann die feinen Poren des frischen Putzes sprengen und die Oberfläche sandend oder instabil machen.
7. Rissbildung (beim späteren Trocknen)
Wenn ein Putz unter extrem feuchten Bedingungen sehr langsam "vortrocknet" und dann (z.B. durch plötzliches Heizen) schnell Feuchtigkeit verliert, entstehen oft Schwindrisse. Da das Gefüge durch die hohe Feuchtigkeit zuvor nicht kompakt genug aufgebaut wurde, sind die Spannungen beim späteren Schwinden zu groß für die geringe Eigenfestigkeit.
Zusammenfassung: Was ist zu tun?
- Lüften: Regelmäßiges Stoßlüften ist entscheidend, um die feuchtegesättigte Luft abzutransportieren.
- Heizen/Trocknen: In Neubauten müssen oft Bautrockner eingesetzt werden, um die Luftfeuchtigkeit in einem Bereich zu halten, der die Erhärtung erlaubt (ideal sind ca. 50–65 % relative Luftfeuchtigkeit).
- Taupunkt beachten: Es darf kein Kondenswasser auf dem frischen Putz entstehen, da dies die Oberfläche auswäscht und die Bindemittelkonzentration stört.
Fazit: Zu hohe Luftfeuchtigkeit führt zu einer geringeren mechanischen Belastbarkeit, macht den Putz anfällig für Schimmel und kann langfristig zu Haftungsproblemen und einer sandenden Oberfläche führen.