Wie stark lenkt die manuelle Eingabe eines Ziels den Fahrer vom Verkehrsgeschehen ab?
Die manuelle Eingabe eines Ziels in ein Navigationssystem während der Fahrt gilt als eine der gefährlichsten Ablenkungen im Straßenverkehr. Experten stufen sie oft als riskanter ein als das Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung oder sogar das Schreiben einer kurzen Nachricht, da sie mehrere Arten der Ablenkung kombiniert.
Hier ist eine detaillierte Analyse, wie stark diese Tätigkeit den Fahrer beeinflusst:
1. Die drei Ebenen der Ablenkung
Die manuelle Zieleingabe beansprucht den Fahrer auf drei Ebenen gleichzeitig:
- Visuelle Ablenkung: Die Augen sind nicht auf der Straße, sondern auf dem Display (um Buchstaben zu suchen oder Karten zu prüfen).
- Manuelle Ablenkung: Mindestens eine Hand ist nicht am Lenkrad, sondern bedient den Touchscreen oder den Controller.
- Kognitive Ablenkung: Das Gehirn ist mit der Buchstabensuche, der Korrektur von Tippfehlern oder dem Nachdenken über die Adresse beschäftigt, anstatt das Verkehrsgeschehen zu verarbeiten.
2. Der "Blindflug" in Zahlen
Das größte Problem ist die Dauer der Ablenkung. Während ein kurzer Blick auf den Tacho weniger als eine Sekunde dauert, benötigt die manuelle Eingabe einer Adresse oft 20 bis 40 Sekunden (insgesamt).
- Beispiel: Bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h legt man pro Sekunde ca. 14 Meter zurück. Wer nur 2 Sekunden auf das Display schaut, fährt knapp 30 Meter im Blindflug.
- Beispiel Autobahn: Bei 130 km/h legt man in 2 Sekunden ca. 72 Meter zurück. In der Zeit, die man braucht, um einen Stadtnamen zu tippen, legt man oft mehrere hundert Meter zurück, ohne die Straße aktiv zu scannen.
3. Studien und Risikobewertung
Untersuchungen (u.a. von der AAA Foundation for Traffic Safety oder dem VTTI) zeigen:
- Die visuelle und kognitive Belastung bei der Zieleingabe ist so hoch, dass die Reaktionszeit massiv sinkt.
- Das Risiko eines Unfalls oder einer Beinahe-Kollision steigt bei solch komplexen visuellen-manuellen Aufgaben um das 3- bis 5-fache an.
- Einige Studien kamen zu dem Ergebnis, dass die manuelle Eingabe am Touchscreen den Fahrer stärker fordert als das Schreiben einer SMS, da die Benutzeroberflächen oft komplexer sind.
4. Touchscreen vs. Physische Knöpfe
Moderne Fahrzeuge setzen fast nur noch auf Touchscreens. Diese verstärken die Ablenkung zusätzlich, da:
- Das haptische Feedback fehlt (man muss hinsehen, um zu wissen, wo man drückt).
- Die Menüstrukturen oft verschachtelt sind.
- Erschütterungen während der Fahrt das präzise Tippen erschweren, was die Zeit, in der die Augen von der Straße weg sind, weiter verlängert.
5. Rechtliche Konsequenzen (Deutschland)
In Deutschland ist die Nutzung von elektronischen Geräten während der Fahrt in § 23 Abs. 1a StVO geregelt.
- Man darf ein Gerät nur bedienen, wenn es in einer Halterung ist oder fest eingebaut ist und nur eine "kurze, den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen angepasste Blickzuwendung" erfolgt.
- Das Tippen einer kompletten Adresse während der Fahrt überschreitet diese "kurze Blickzuwendung" bei weitem und ist daher verboten. Es drohen Bußgelder (ab 100 €), Punkte in Flensburg und bei Gefährdung sogar ein Fahrverbot.
Fazit und Empfehlung
Die manuelle Eingabe eines Ziels lenkt den Fahrer massiv ab. Die sichersten Alternativen sind:
- Eingabe im Stand: Das Ziel vor Fahrtantritt eingeben.
- Sprachsteuerung: Moderne Systeme ermöglichen die Eingabe per Sprache ("Fahre mich nach Berlin, Musterstraße 1"), was die Augen auf der Straße lässt.
- Beifahrer: Die Eingabe durch den Beifahrer erledigen lassen.
Zusammenfassend: Wer während der Fahrt manuell ein Ziel eintippt, handelt ähnlich fahrlässig wie jemand, der unter Alkoholeinfluss fährt, da die Reaktionszeiten in ähnlichem Maße einbrechen.