Wie funktioniert das Phänomen der „wandernden Dünen“, die im Küstenbereich des Doñana-Nationalparks ganze Pinienwälder unter sich begraben können?

Bearbeiten
Löschen

Das Phänomen der wandernden Dünen im Nationalpark Doñana (Andalusien, Spanien) ist eines der spektakulärsten geologischen und ökologischen Schauspiele Europas. Es handelt sich um ein dynamisches System, bei dem gewaltige Sandmassen wie in Zeitlupe über das Land marschieren.

Hier ist die schrittweise Erklärung, wie dieser Prozess funktioniert:

1. Die Antriebskräfte: Wind und Sand

Der Motor dieses Phänomens ist der stetige Südwestwind vom Atlantik her. Er transportiert feinen Sand, der an der Küste angespült wurde, ins Landesinnere. Da es im vordersten Küstenbereich oft kaum stabilisierende Vegetation gibt, kann der Wind den Sand ungehindert bewegen.

2. Der Mechanismus der Bewegung (Saltation)

Die Dünen bewegen sich durch einen Prozess namens Saltation (springende Bewegung):

  • Luv-Seite (dem Wind zugewandt): Der Wind bläst die Sandkörner den flachen Hang der Düne hinauf.
  • Lee-Seite (dem Wind abgewandt): Sobald die Sandkörner den Kamm der Düne erreichen, fallen sie auf der windgeschützten, steilen Seite hinunter.

Dadurch verlagert sich die gesamte Düne kontinuierlich nach vorne, während ihre Form erhalten bleibt. In Doñana bewegen sich diese Dünen etwa 2 bis 6 Meter pro Jahr von der Küste weg ins Landesinnere.

3. Das Phänomen der „Corrales“

Die Dünen in Doñana treten nicht einzeln auf, sondern in Ketten (Dünnenzügen), die parallel zur Küste verlaufen. Zwischen zwei aufeinanderfolgenden Dünenkämmen entstehen Täler, die man in Spanien „Corrales“ nennt.

  • In diesen feuchten Tälern wachsen Pinienwälder (hauptsächlich die Pinie Pinus pinea).
  • Da die Dünenkette wandert, nähert sich die Vorderwand der nächsten Düne unaufhaltsam dem Waldrand.

4. Das Begraben der Wälder

Wenn die steile Lee-Seite einer Düne einen Pinienwald erreicht, passiert Folgendes:

  1. Verschüttung: Der Sand rieselt langsam zwischen die Bäume. Da die Bäume sich nicht bewegen können, werden sie Schicht für Schicht eingegraben.
  2. Absterben: Erst werden die Stämme bedeckt, dann die Kronen. Die Pinien ersticken regelrecht unter dem Sand, da ihre Wurzeln keinen Sauerstoff mehr bekommen oder der mechanische Druck und Lichtmangel sie absterben lassen.
  3. Vollständige Überdeckung: Am Ende ist von dem Wald nichts mehr zu sehen – dort, wo eben noch ein Wald war, türmt sich nun ein bis zu 30 Meter hoher Sandberg.

5. Die „Geisterwälder“ (Las Cruces)

Das Faszinierende an Doñana ist, dass der Prozess hier nicht endet. Da die Düne weiterwandert, gibt sie nach einigen Jahrzehnten das Gelände hinter sich wieder frei:

  • Wenn das Ende der Düne (die Luv-Seite) über die Stelle hinweggezogen ist, kommen die Überreste der toten Bäume wieder zum Vorschein.
  • Diese gebleichten, abgestorbenen Baumstümpfe ragen wie Skelette aus dem Sand. Die Einheimischen nennen sie oft „Cruces de arena“ (Sandkreuze).

6. Ein ewiger Kreislauf

Sobald die Düne weitergezogen ist und das flache, oft feuchte Land hinter sich gelassen hat, beginnt das Leben von vorn. Samen der Pinien oder anderer Pflanzen keimen im nun freien „Corral“, ein neuer Wald wächst heran – bis in ferner Zukunft die nächste Düne der Kette eintrifft und der Zyklus von neuem beginnt.

Zusammenfassung

Die wandernden Dünen von Doñana sind ein „Fließband der Natur“. Sie entstehen durch den Wind, begraben auf ihrem Weg ins Landesinnere ganze Ökosysteme unter sich und geben deren Skelette Jahre später wieder frei, während an anderer Stelle neues Leben entsteht. Es ist ein dynamisches Gleichgewicht, das den Nationalpark zu einer der einzigartigsten Landschaften der Welt macht.