Welche Schwierigkeiten treten bei der Beschaffung von Ruchmehl ausserhalb der Schweiz auf?
Die Beschaffung von Ruchmehl ausserhalb der Schweiz gestaltet sich oft schwierig, da es sich um ein spezifisch schweizerisches Produkt handelt, das in dieser Form und unter diesem Namen in anderen Ländern kaum existiert.
Hier sind die zentralen Schwierigkeiten im Detail:
1. Unterschiedliche Mehl-Typisierungssysteme
Das grösste Hindernis ist die fehlende internationale Standardisierung. Während die Schweiz Mehl nach dem Ausmahlungsgrad benennt (Weiss-, Halbweiss-, Ruch- und Vollkornmehl), nutzen andere Länder Nummern (Type), die den Mineralstoffgehalt angeben.
- Problem: Es gibt keine exakte 1:1-Entsprechung. Ruchmehl hat einen Ausmahlungsgrad von ca. 85 %. Das deutsche Mehl Type 1050 kommt ihm am nächsten, ist aber oft etwas heller und feiner. Das österreichische W1600 ist ebenfalls ähnlich, aber nicht identisch. In Frankreich entspräche es in etwa T80 oder T110, wobei die Backeigenschaften variieren.
2. Verfügbarkeit im Einzelhandel
In Schweizer Supermärkten ist Ruchmehl ein Grundnahrungsmittel. Im Ausland (selbst in Grenznähe) findet man es fast nie im Standard-Sortiment.
- Schwierigkeit: Man muss spezialisierte Mühlen, Bio-Läden oder Online-Händler aufsuchen. In normalen Supermärkten in Deutschland, Österreich oder Frankreich sucht man meist vergeblich nach einem Mehl mit den spezifischen Eigenschaften von Ruchmehl (hoher Schalenanteil, aber dennoch gute Backfähigkeit).
3. Logistik und Versandkosten
Da Mehl ein schweres Gut ist, sind die Versandkosten bei einer Online-Bestellung aus der Schweiz oft unverhältnismässig hoch.
- Kostenfaktor: Ein 5-kg-Sack Mehl kostet im Versand oft mehr als das Produkt selbst. Zudem besteht bei langen Transportwegen das Risiko von Feuchtigkeitsschäden oder Schädlingsbefall (Mehlmotten), wenn die Lagerung nicht optimal ist.
4. Zoll- und Einfuhrbestimmungen
Beim Versand aus der Schweiz in die EU (oder in andere Länder) treten zollrechtliche Hürden auf.
- Bürokratie: Die Schweiz ist kein EU-Mitglied. Pakete müssen verzollt werden. Ab bestimmten Mengen können Einfuhrumsatzsteuer oder Zollgebühren anfallen, was den Preis weiter in die Höhe treibt. Viele Schweizer Online-Shops versenden deshalb gar nicht erst ins Ausland.
5. Unterschiede in der Getreidequalität und Vermahlung
Selbst wenn man ein Mehl mit ähnlichem Mineralstoffgehalt findet, unterscheidet sich die Backcharakteristik.
- Backeigenschaften: Ruchmehl wird in der Schweiz oft aus speziellen Weizenmischungen gewonnen, die einen hohen Proteingehalt und eine gute Wasseraufnahme garantieren. Ausländische "Ersatzmehle" (wie Type 1050) nehmen Wasser oft anders auf, was die Teigführung und das Endergebnis (Porenstruktur, Kruste) verändert. Das typische "nussige" Aroma des Schweizer Ruchmehls ist schwer zu kopieren.
6. Unkenntnis des Begriffs
Der Begriff "Ruchmehl" (abgeleitet von "ruch" – rau/grob) ist ausserhalb der Schweiz weitgehend unbekannt.
- Kommunikationsproblem: Fragt man in einer deutschen oder französischen Bäckerei nach Ruchmehl, wird man meist missverstanden oder erhält Vollkornmehl, was für die typischen Rezepte (wie das St. Galler Brot) zu schwer ist.
Zusammenfassung der Alternativen für das Ausland:
Wer im Ausland nicht auf Ruchmehl verzichten kann, muss meist zu Ersatzmischungen greifen:
- Deutschland: Eine Mischung aus Type 1050 und einem kleinen Anteil Vollkornmehl (ca. 80:20).
- Österreich: Type W1600 (Pizzamehl/Brotmehl).
- Frankreich: Farine de blé T80 oder T110 (Bise).
- USA/UK: "First Clear Flour" kommt dem Ruchmehl am nächsten, ist aber oft nur für Grossbäckereien zugänglich.