Welche Rolle spielte Leonardo da Vinci bei der Erfindung der modernen Serviette am herzoglichen Hof von Mailand?

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Die Antwort auf diese Frage ist eine faszinierende Mischung aus historischer Legende, moderner Satire und dem tatsächlichen Genie Leonardos.

Kurz gesagt: Es gibt eine sehr populäre Geschichte darüber, wie Leonardo die Serviette erfand, aber Historiker sind sich weitgehend einig, dass diese Erzählung eher auf ein fiktives Buch aus den 1980er Jahren zurückzuführen ist als auf echte historische Dokumente.

Hier ist die Aufschlüsselung der Rolle, die Leonardo da Vinci zugeschrieben wird:

1. Die Legende: Leonardo als Sittenwächter bei Hofe

Leonardo da Vinci verbrachte viele Jahre am Hof von Ludovico Sforza (genannt „Il Moro“) in Mailand. Er war dort nicht nur als Maler und Ingenieur angestellt, sondern auch als „Master of Festivities“ (Festungs- und Zeremonienmeister).

Der Legende nach war Leonardo von den Tischmanieren der Mailänder Adligen angewidert. Damals war es üblich, sich die fettigen Hände an der Tischdecke oder sogar an der Kleidung (oder laut der Legende an lebenden Kaninchen, die an die Stühle gebunden waren) abzuwischen.

Leonardo soll daraufhin vorgeschlagen haben, jedem Gast ein eigenes Tuch zur Verfügung zu stellen, das nach dem Benutzen weggeworfen oder gewaschen werden konnte.

2. Das Problem der Akzeptanz (Die Anekdote)

Die Geschichte besagt weiter, dass Leonardos Erfindung zunächst ein totaler Misserfolg war. In seinen angeblichen Notizen soll er sich darüber beklagt haben, dass die Gäste nicht wussten, was sie mit dem Tuch anfangen sollten:

  • Einige saßen darauf.
  • Andere putzten sich die Nase darin.
  • Wieder andere warfen sie als Spielzeug durch den Raum.
  • Niemand benutzte sie zum Reinigen der Hände, ohne die Tischdecke zu beschmutzen.

3. Die Quelle: Das „Küchentagebuch“ (Codex Romanoff)

Fast alle modernen Berichte über Leonardos Erfindung der Serviette stammen aus dem Buch „Leonardo's Kitchen Note Books“ (deutsch: „Drei Köche und ein Genie: Leonardo da Vincis Küchengeheimnisse“), das 1987 von Shelagh und Jonathan Routh veröffentlicht wurde.

Die Autoren behaupteten, sie hätten den „Codex Romanoff“ entdeckt, ein geheimes Notizbuch Leonardos über das Kochen. Historiker haben jedoch festgestellt, dass dieses Buch eine Parodie bzw. ein gut gemachter Scherz ist. Der „Codex Romanoff“ existiert in dieser Form nicht, und die Beschreibungen der Küchengeräte und Tischmanieren sind weitgehend erfunden.

4. Die historische Realität

  • Servietten gab es schon vorher: Schon die Römer kannten die Mappa (ein Tuch, das man zu Gastmählern mitbrachte). Auch im Mittelalter gab es bereits Tücher, meist hingen sie über der gemeinsamen Tischkante.
  • Leonardos echte Küchenmaschinen: Es ist jedoch historisch belegt, dass Leonardo ein großes Interesse an der Küche hatte. In seinen echten Notizbüchern (z. B. dem Codex Atlanticus) finden sich Skizzen für:
    • Einen automatischen Grillspieß (angetrieben durch die aufsteigende Hitze des Feuers).
    • Eine Pfeffermühle (die modernen Modellen sehr ähnlich sieht).
    • Einen Korkenzieher.
    • Maschinen zum Schneiden von Nudeln.

Fazit

Die Vorstellung, dass Leonardo da Vinci die moderne Serviette erfunden hat, um den Mailänder Hof zu zivilisieren, ist eine charmante historische Mythe. Sie passt perfekt zu unserem Bild von Leonardo als dem Mann, der alles erfunden hat – vom Hubschrauber bis zum Besteck.

Obwohl er tatsächlich Maschinen für die Küche entwarf und für die Mailänder Feste verantwortlich war, ist die Geschichte der Serviette höchstwahrscheinlich eine literarische Erfindung des 20. Jahrhunderts, die jedoch so gut erzählt wurde, dass sie heute oft als historische Tatsache zitiert wird.