Was sind die sogenannten „Nevere“ im Valle di Muggio und wofür wurden diese historischen Rundbauten aus Stein früher genutzt?
Die „Nevere“ (Einzahl: Nevera) sind historische, zylinderförmige Steinbauten, die vor allem im Valle di Muggio (dem südlichsten Tal der Schweiz im Kanton Tessin) und an den Hängen des Monte Generoso zu finden sind.
Der Name leitet sich vom italienischen Wort neve für „Schnee“ ab. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um historische Eiskeller oder Kühlschränke, die ohne Elektrizität funktionierten.
Hier ist eine detaillierte Erklärung zu ihrem Aufbau und ihrer Funktion:
1. Wofür wurden sie genutzt?
Die Nevere dienten der Kühlung von Milch. Im Valle di Muggio war die Viehwirtschaft (Kühe) die wichtigste Einnahmequelle. Da die Bauern die Milch im Sommer auf den Almen (Berghütten) verarbeiteten, standen sie vor dem Problem, dass die Milch bei sommerlichen Temperaturen schnell sauer wurde.
In den Nevere konnte die Milch kühl gelagert werden, bis der Rahm aufstieg (um Butter herzustellen) oder bis sie zu Käse weiterverarbeitet wurde. Dies war entscheidend für die Qualität der Erzeugnisse wie den berühmten Zincarlìn-Käse.
2. Wie funktionierten sie? (Das Prinzip)
Das Prinzip beruhte auf der Speicherung von Winterschnee bis weit in den Sommer hinein:
- Befüllung im Winter: Während der Wintermonate schaufelten die Bauern Schnee in den tiefen, unterirdischen Teil der Nevera. Dieser Schnee wurde festgestampft, sodass er zu einer kompakten Eismasse gefroren blieb.
- Kühlung im Sommer: Aufgrund der isolierenden Bauweise und der Tiefe schmolz der Schnee nur sehr langsam. Selbst im Hochsommer herrschten im Inneren der Nevera Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.
- Lagerung: Die Milchkannen wurden auf die Schneeoberfläche oder auf hölzerne Gestelle direkt über dem Eis gestellt.
3. Wie sind sie gebaut?
Die Nevere sind architektonisch bemerkenswert und meist nach einem einheitlichen Schema konstruiert:
- Trockenmauerwerk: Sie wurden aus lokalem Kalkstein ohne Mörtel errichtet.
- Zylindrische Form: Sie sehen von außen oft wie kleine Türme oder steinerne Hütten aus.
- Tiefbau: Ein großer Teil des Gebäudes (oft zwei Drittel oder mehr) befindet sich unter der Erde. Dies ist der eigentliche Schacht für den Schnee, der oft fünf bis sieben Meter tief sein kann.
- Zugang: Es gibt meist eine kleine Tür auf Bodenniveau und oft eine interne Treppe, die spiralförmig an der Innenwand nach unten führt, um an das Eis bzw. die gelagerten Produkte zu gelangen.
- Dach: Die Dächer sind kegelförmig und mit flachen Steinplatten (Piode) gedeckt, was typisch für die ländliche Architektur des Tessins ist.
4. Heutige Bedeutung
Mit der Erfindung mechanischer Kühlschränke im 20. Jahrhundert verloren die Nevere ihre praktische Bedeutung und verfielen teilweise.
Heute gelten sie jedoch als bedeutende kulturhistorische Denkmäler. Das Museo Etnografico della Valle di Muggio (MEVM) hat viele dieser Bauwerke restauriert. Wanderer können sie heute entlang der Themenpfade am Monte Generoso besichtigen. Sie sind ein Symbol für den Einfallsreichtum der damaligen Bergbevölkerung, die mit einfachsten Mitteln die natürlichen Ressourcen nutzte.
Zusammenfassend: Die Nevere waren die „Gefrierschränke der Alpen“, die es den Bauern im Valle di Muggio ermöglichten, trotz Sommerhitze eine hochstehende Milchwirtschaft zu betreiben.