Was passiert mit der Leistungsbereitschaft, sobald der äußere Anreiz wegfällt?
Was passiert, wenn ein äußerer Anreiz (extrinsische Motivation wie Bonuszahlungen, Lob, Belohnungen) wegfällt, hängt stark davon ab, wie die betroffene Person die Tätigkeit ursprünglich wahrgenommen hat.
Die Psychologie und die Verhaltensökonomik beschreiben hierbei verschiedene Szenarien:
1. Der Korrumpierungseffekt (Overjustification Effect)
Dies ist das bekannteste Phänomen. Wenn eine Person eine Tätigkeit ursprünglich aus Freude oder Interesse gemacht hat (intrinsische Motivation) und dafür über einen Zeitraum hinweg belohnt wurde, kann der Wegfall des Anreizes dazu führen, dass die Leistungsbereitschaft unter das ursprüngliche Niveau sinkt.
- Warum? Die Person hat ihre innere Motivation durch die äußere Belohnung „ersetzt“. Das Gehirn bewertet die Tätigkeit nun nicht mehr als „Hobby“ oder „persönliches Interesse“, sondern als „Arbeit gegen Bezahlung“. Fällt die Bezahlung weg, entfällt der Grund für die Tätigkeit.
- Beispiel: Ein Kind, das gerne malt, bekommt plötzlich für jedes Bild Geld. Hört die Zahlung auf, verliert das Kind oft die Lust am Malen insgesamt.
2. Der unmittelbare Leistungsabfall (Extinktion)
Bei Tätigkeiten, die von vornherein nur wegen des Anreizes durchgeführt wurden (rein extrinsisch), bricht die Leistung meist sofort oder sehr zeitnah ein.
- Warum? Es besteht keine emotionale oder sachliche Bindung zur Aufgabe. Die Belohnung war der einzige Motor. Ohne Treibstoff bleibt der Motor stehen.
- Beispiel: Fließbandarbeit mit Akkordbonus. Fällt der Bonus weg, wird nur noch das absolute Minimum an Dienst nach Vorschrift geleistet.
3. Der Gewöhnungseffekt und die "erlebte Bestrafung"
Menschen gewöhnen sich schnell an Belohnungen (hedonistische Tretmühle). Wenn ein gewohnter Anreiz wegfällt, wird dies psychologisch oft nicht als Rückkehr zum Normalzustand, sondern als Verlust oder Bestrafung wahrgenommen.
- Folge: Frustration, Demotivation und im schlimmsten Fall eine negative Einstellung gegenüber dem Auftraggeber oder Arbeitgeber. Die Leistungsbereitschaft sinkt hier durch eine emotionale Blockade.
4. Ausnahme: Wann die Leistung stabil bleibt
Es gibt Situationen, in denen die Leistungsbereitschaft trotz Wegfalls des Anreizes hoch bleibt:
- Internalisierung: Der äußere Anreiz war nur der Anstoß, aber während der Ausführung hat die Person den Wert der Arbeit erkannt oder Kompetenzgefühle entwickelt. Die extrinsische Motivation hat sich in eine intrinsische verwandelt.
- Soziale Normen: Wenn die Leistung aus einem Pflichtgefühl oder einer Gruppenzugehörigkeit heraus erbracht wird, können materielle Anreize wegfallen, ohne dass die Moral sofort bricht.
- Habitualisierung (Gewohnheit): Die Handlung ist so sehr zur Routine geworden, dass sie automatisch weitergeführt wird, bis ein bewusster Impuls zum Stoppen führt.
Zusammenfassung
Sobald der äußere Anreiz wegfällt, passiert meist Folgendes:
- Bei rein extrinsischer Motivation: Die Leistung wird eingestellt oder auf das Minimum reduziert.
- Bei ursprünglich intrinsischer Motivation: Es kommt oft zum Korrumpierungseffekt, d. h. die Lust an der Sache ist nachhaltig geschädigt.
- Emotional: Es entsteht ein Gefühl von Verlust, was zu Widerstand oder Rückzug führen kann.
Fazit für die Führung/Pädagogik: Äußere Anreize sollten vorsichtig eingesetzt werden. Sie sind effektiv für kurzfristige, repetitive Aufgaben, können aber langfristiges Interesse und Kreativität zerstören, wenn sie als primäres Steuerungsinstrument genutzt werden.