Warum haben manche Weißweine eine fast wasserhelle Farbe, während andere intensiv goldgelb leuchten?
Die Farbe eines Weißweins ist wie ein „offenes Buch“ über seine Herkunft, seine Herstellung und sein Alter. Dass die Spanne von fast wasserklar bis hin zu tiefem Goldgelb oder Bernstein reicht, hat im Wesentlichen vier Gründe:
1. Die Rebsorte (Genetik)
Jede Traubensorte hat eine unterschiedliche Konzentration an Farbstoffen (Phenolen) in der Beerenhaut.
- Helle Weine: Rebsorten wie Pinot Grigio (Grauburgunder – wenn er jung und schnell abgepresst wird), Müller-Thurgau oder Elbling neigen zu einer sehr hellen, fast grünlich-blassen Farbe.
- Dunklere Weine: Sorten wie Chardonnay, Viognier oder Sémillon haben von Natur aus mehr Farbpigmente und ergeben oft einen kräftigeren Gelbton.
2. Die Herstellung (Ausbau im Keller)
Dies ist oft der entscheidende Faktor. Hier spielt der Kontakt mit Sauerstoff und Holz die Hauptrolle:
- Edelstahltank (Reduktiver Ausbau): Wenn der Wein in Edelstahltanks unter Ausschluss von Sauerstoff vergoren wird, behält er seine helle, frische Farbe. Das ist typisch für spritzige Alltagsweine wie Riesling oder Sauvignon Blanc.
- Holzfass (Oxidativer Ausbau): Reift ein Wein im kleinen Holzfass (Barrique), gelangt durch die Poren des Holzes minimal Sauerstoff an den Wein. Dieser lässt den Wein dunkler werden. Zudem gibt das Holz eigene Gerbstoffe und Farbstoffe an den Wein ab, was zu einem satten Goldgelb führt.
- Maischestandzeit: Bleibt der Saft vor der Gärung länger mit den Schalen in Kontakt, werden mehr Farbstoffe extrahiert. Extrembeispiel sind „Orange Wines“, die wie Rotweine auf der Maische vergoren werden und daher orange bis kupferfarben leuchten.
3. Der Reifegrad der Trauben und das Klima
- Kühles Klima & frühe Ernte: Trauben aus kühleren Regionen (z. B. Mosel oder Loire), die gerade eben reif geerntet wurden, haben weniger Zucker und weniger Farbpigmente. Das Ergebnis ist ein hellgelber, oft grünlich schimmernder Wein.
- Heißes Klima & späte Ernte: In heißen Regionen (z. B. Kalifornien, Sizilien) bilden die Trauben dickere Schalen und mehr Zucker aus. Vollreife oder überreife Trauben ergeben einen deutlich dunkleren Most.
4. Das Alter des Weins
Während Rotwein mit der Zeit heller wird, verhält es sich bei Weißwein genau umgekehrt:
- Junger Wein: Er ist meist hell, blassgelb oder hat grünliche Reflexe.
- Gereifter Wein: Durch die langsame Oxidation über Jahre in der Flasche verfärben sich die Inhaltsstoffe. Der Wein wandelt sich von Zitronengelb zu Goldgelb, später zu Bernstein oder sogar zu einem hellen Braunton.
Sonderfall: Edelsüße Weine
Weine wie Sauternes oder Trockenbeerenauslesen leuchten oft extrem intensiv goldgelb bis orange. Das liegt daran, dass die Trauben durch den Edelpilz Botrytis cinerea eingeschrumpft sind. Die Inhaltsstoffe und Farbpigmente sind dadurch extrem konzentriert.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein wasserheller Wein ist meist jung, im Stahltank ausgebaut und stammt eher aus einem kühlen Klima. Ein goldgelber Wein ist oft entweder im Holzfass gereift, stammt von sehr reifen Trauben aus warmen Regionen oder hat bereits einige Jahre Lagerung hinter sich.