Warum dürfen Ketten mit verdrehten Gliedern niemals unter Last gesetzt werden?
Das Verbot, Ketten mit verdrehten oder verknoteten Gliedern unter Last zu setzen, hat schwerwiegende physikalische und sicherheitstechnische Gründe. Hier sind die wichtigsten Punkte:
1. Ungünstiger Kraftfluss (Biegung statt Zug)
Kettenglieder sind so konstruiert, dass sie Zugkräfte optimal aufnehmen können, wenn sie gerade ineinandergreifen. Die Kraft fließt dann gleichmäßig durch die Rundungen der Glieder.
- Im Idealzustand: Das Glied wird auf reinen Zug belastet.
- Bei Verdrehung: Die Kraft wirkt nicht mehr zentral, sondern es entstehen Biegemomente und Torsionskräfte (Verdrehungskräfte) an Stellen des Kettenglieds, die dafür nicht ausgelegt sind. Stahl ist gegenüber Zugkräften sehr widerstandsfähig, reagiert aber empfindlicher auf Biegebelastung an ungeeigneten Stellen.
2. Massive Reduzierung der Tragfähigkeit
Schon eine kleine Verdrehung kann die Tragfähigkeit einer Kette drastisch senken. Eine verdrehte Kette erreicht oft nicht einmal mehr 50 % ihrer eigentlichen Nennlast. Wenn man eine solche Kette mit der eigentlich zulässigen Last belastet, kommt es zur Überlastung des Materials.
3. Kerbwirkung und Materialverformung
An den Stellen, an denen sich die verdrehten Glieder berühren, entstehen extrem hohe punktuelle Drücke (Flächenpressung). Dies kann zu:
- Kaltverformung des Stahls führen.
- Mikrorissen führen, die das Material schwächen.
- Dazu führen, dass die Glieder sich ineinander „verkeilen“ und bei steigender Last ruckartig aufspringen, was zu einer dynamischen Schockbelastung führt, die die Kette sofort reißen lassen kann.
4. Gefahr des plötzlichen Reißens
Eine verdrehte Kette kündigt ihr Versagen oft nicht durch langsames Dehnen an. Durch die ungünstige Hebelwirkung im verdrehten Glied kann die Kette schlagartig brechen. Ein Kettenriss unter Last ist lebensgefährlich, da die Enden der Kette wie Peitschen durch die Luft schnellen und die Last unkontrolliert abstürzt.
5. Vorschriften (Arbeitsschutz)
In den Unfallverhütungsvorschriften (z. B. der DGUV in Deutschland) ist strikt festgelegt, dass Anschlagmittel (Ketten, Seile, Gurte) vor der Benutzung auf ihren ordnungsgemäßen Zustand geprüft werden müssen. Eine verdrehte Kette gilt als ablegereif (darf nicht verwendet werden), bis die Verdrehung vollständig entfernt wurde.
Zusammenfassung
Ketten dürfen niemals verdreht belastet werden, weil sie für diese Belastungsrichtung nicht konstruiert sind. Die entstehenden Biegekräfte zerstören das Gefüge des Stahls und führen zum unvorhersehbaren Bruch weit unterhalb der zulässigen Traglast.
Merksatz aus der Praxis: Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied – und ein verdrehtes Glied ist immer das schwächste.