Warum blieb der Nordturm des Stephansdoms unvollendet und ist deshalb wesentlich kürzer als der Südturm?
Dass der Nordturm des Wiener Stephansdoms unvollendet blieb und mit seinen 68 Metern nur etwa halb so hoch ist wie der Südturm (136 Meter), hat mehrere historische, wirtschaftliche und bautechnische Gründe.
Hier sind die wichtigsten Faktoren für den Baustopp:
1. Finanzielle Probleme
Der Bau des Südturms hatte bereits enorme Ressourcen verschlungen. Als man Mitte des 15. Jahrhunderts (1467) mit dem Nordturm begann, war die Stadt Wien durch Kriege und interne Konflikte wirtschaftlich geschwächt. Die immensen Kosten für einen zweiten Riesenturm waren schlicht nicht mehr aufzubringen.
2. Die Reformation
Im 16. Jahrhundert breitete sich die Reformation aus. Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung für monumentale katholische Kirchenbauten sank drastisch. Zudem floss viel Geld, das früher in die Kirche geflossen wäre, nun in die Verteidigung gegen die Bedrohung durch das Osmanische Reich.
3. Die Türkenbelagerung (1529)
Die Erste Wiener Türkenbelagerung im Jahr 1529 war ein entscheidender Wendepunkt. Wien musste seine Stadtmauern verstärken und die Schäden der Belagerung beheben. Bauressourcen (Material und Handwerker) wurden für die militärische Befestigung abgezogen, und der Weiterbau einer Kathedrale hatte keine Priorität mehr.
4. Das Ende der Gotik
Als man die Arbeiten am Nordturm schließlich einstellte, war die Ära der Gotik (zu der die spitzen Türme gehörten) architektonisch vorbei. Die Renaissance hielt Einzug, und das Interesse an der Vollendung eines „altmodischen“ gotischen Turms schwand.
5. Die „Saphoysche Haube“
Im Jahr 1578 entschied man sich für eine pragmatische Lösung: Da der unfertige Turmstumpf der Witterung ausgesetzt war und zu verfallen drohte, beauftragte man den Baumeister Hans Saphoy, den Turm abzuschließen. Er setzte die charakteristische Renaissance-Kuppel (auch „Welsche Haube“ genannt) darauf. Damit wurde der Turm offiziell für „fertig“ erklärt, obwohl er den ursprünglichen Plänen nicht entsprach.
Die Legende: Der Pakt mit dem Teufel
Neben den harten Fakten gibt es eine berühmte Wiener Sage, warum der Turm nicht vollendet wurde:
Der Dombaumeister Hans Puchsbaum soll einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben, um den Nordturm in kürzester Zeit fertigzustellen. Die Bedingung des Teufels war, dass Puchsbaum während der Bauzeit weder den Namen Gottes noch den Namen Marias oder eines Heiligen aussprechen dürfe. Als Puchsbaum jedoch eines Tages seine Geliebte (oder seine Frau) Maria unten auf dem Platz sah und sie beim Namen rief, brach der Pakt. Das Gerüst stürzte ein, Puchsbaum fiel in den Tod, und der Bau konnte danach nie wieder erfolgreich fortgeführt werden.
Heute: Die Heimat der Pummerin
Obwohl er kürzer ist, beherbergt der Nordturm heute eine der berühmtesten Glocken der Welt: die Pummerin. Da der Südturm für das Gewicht der riesigen Glocke nicht stabil genug war (bzw. die Schwingungen dem Turm schaden könnten), wurde sie nach ihrer Neugießung im Nordturm aufgehängt.