Können Videospiele als eine eigenständige Kunstform betrachtet werden?

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Die Frage, ob Videospiele eine eigenständige Kunstform sind, wurde lange Zeit hitzig debattiert. Heute lautet die Antwort in der Kulturwissenschaft, in Museen und auch in der Politik fast einhellig: Ja.

Videospiele werden oft als das „Gesamtkunstwerk des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet, da sie alle klassischen Kunstformen in sich vereinen und um eine entscheidende Dimension erweitern.

Hier sind die wichtigsten Argumente, warum Videospiele als eigenständige Kunstform betrachtet werden:

1. Die Synthese bestehender Künste

Videospiele sind interdisziplinär. Sie nutzen und verschmelzen Elemente aus fast allen anderen Kunstformen:

  • Bildende Kunst: Grafikdesign, Architektur, Charakterdesign und Malerei.
  • Musik: Kompositionen und Soundscapes, die oft auf demselben Niveau wie Filmmusik stehen.
  • Literatur: Komplexe Drehbücher, World-Building und Charakterentwicklung.
  • Film: Kameraführung, Schnitttechniken und Schauspiel (via Motion Capture).

2. Die Interaktivität (Das Alleinstellungsmerkmal)

Dies ist das stärkste Argument für die Eigenständigkeit. In einem Film oder Buch ist der Betrachter passiv. In einem Videospiel wird der Spieler zum Mit-Schöpfer.

  • Agency: Der Spieler trifft Entscheidungen, die den Ausgang der Geschichte beeinflussen.
  • Ludonarrative: Die Geschichte wird nicht nur durch Zwischensequenzen erzählt, sondern durch das Handeln selbst (z. B. durch das Erkunden der Umgebung oder das Lösen von Mechaniken).
  • Diese Interaktivität ermöglicht eine Form der Empathie und Verantwortung, die kein anderes Medium bieten kann. Wenn eine Spielfigur scheitert, fühlt der Spieler oft eine persönliche Verantwortung.

3. Emotionale und philosophische Tiefe

Moderne Spiele behandeln komplexe menschliche Themen:

  • The Last of Us setzt sich mit Liebe, Verlust und moralischen Grauzonen auseinander.
  • Papers, Please lässt den Spieler die moralischen Dilemmata einer bürokratischen Diktatur erleben.
  • That Dragon, Cancer verarbeitet den Krebstod eines Kindes auf eine Weise, die tief berührt und zum Nachdenken anregt. Kunst hat oft den Anspruch, den Betrachter zu transformieren oder eine neue Perspektive auf die Welt zu eröffnen – Videospiele leisten dies heute regelmäßig.

4. Institutionelle Anerkennung

Die Akzeptanz als Kunstform lässt sich auch an offiziellen Stellen ablesen:

  • Museum of Modern Art (MoMA): Seit 2012 nimmt das MoMA in New York Videospiele in seine ständige Sammlung auf (z. B. Pac-Man, Tetris, Minecraft).
  • Deutschland: Der Deutsche Kulturrat hat Videospiele bereits 2008 offiziell als Kulturgut anerkannt. Damit stehen sie rechtlich und gesellschaftlich auf einer Stufe mit Filmen oder Büchern.
  • Staatliche Förderung: In vielen Ländern werden Spiele wie Filme durch Kulturförderungen unterstützt.

5. Die Gegenargumente (und ihre Entkräftung)

Früher argumentierten Kritiker wie der berühmte Filmkritiker Roger Ebert, dass Spiele niemals Kunst sein könnten, weil sie ein Ziel (Gewinnen/Verlieren) verfolgen.

  • Widerlegung: Viele moderne Spiele haben gar kein klassisches „Gewinnziel“ mehr (z. B. Journey oder Walking Simulators). Zudem hat auch Architektur oft einen praktischen Nutzen und wird dennoch als Kunstform anerkannt. Kommerzielle Ausrichtung ist ebenfalls kein Gegenargument, da auch die größten Meisterwerke der Malerei (Auftragsarbeiten) oder des Kinos oft kommerziell motiviert waren.

Fazit

Videospiele sind eine eigenständige Kunstform, weil sie durch die Interaktivität eine ästhetische Erfahrung ermöglichen, die über die bloße Summe ihrer Teile (Bild, Ton, Text) hinausgeht. Sie sind die erste Kunstform, bei der das Werk erst durch die Handlung des Rezipienten vollständig zum Leben erweckt wird.

Man könnte sie als die „10. Muse“ bezeichnen, die das Erbe von Film und Theater antritt und es in das digitale Zeitalter übersetzt.