Können chemische Ausdünstungen neuer Sitzbezüge die Gesundheit im Fahrzeuginnenraum belasten?
Ja, chemische Ausdünstungen von neuen Sitzbezügen (und anderen Innenraummaterialien) können die Gesundheit und das Wohlbefinden im Fahrzeuginnenraum belasten. Dieses Phänomen ist Teil dessen, was oft als „Neuwagengeruch“ wahrgenommen wird.
Hier sind die wichtigsten Details dazu:
1. Was dünstet da aus?
Man spricht hier von VOCs (Volatile Organic Compounds – flüchtige organische Verbindungen). Diese stammen aus verschiedenen Quellen in den Sitzbezügen:
- Klebstoffe und Lösungsmittel: Werden verwendet, um den Stoff oder das Leder mit dem Polsterschaum zu verbinden.
- Flammschutzmittel: Gesetzlich vorgeschrieben, um die Entflammbarkeit zu verringern, aber oft chemisch belastet.
- Gerbstoffe und Farbstoffe: Besonders bei Lederbezügen können Rückstände von Chromsalzen oder anderen Chemikalien ausgasen.
- Weichmacher (Phthalate): Werden in Kunstleder oder Kunststoffanteilen verwendet, um das Material geschmeidig zu machen.
- Formaldehyd: Kann in Textilien vorkommen, um sie knitterfrei oder schmutzabweisend zu machen.
2. Mögliche gesundheitliche Auswirkungen
Die Reaktion auf diese Stoffe ist individuell verschieden, kann aber folgende Symptome auslösen (oft als „Sick Car Syndrome“ bezeichnet):
- Akut: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Reizungen der Augen, der Nase und des Rachens sowie Müdigkeit.
- Allergien: Kontaktallergien oder Atemwegsreizungen (besonders bei Asthmatikern).
- Langfristig: Einige der ausgasenden Stoffe (wie Benzol oder bestimmte Flammschutzmittel) gelten als krebserregend, hormonverändernd oder erbgutschädigend, wenn man ihnen über sehr lange Zeit in hohen Konzentrationen ausgesetzt ist.
3. Faktoren, die die Belastung erhöhen
- Hitze: Dies ist der kritischste Faktor. Wenn das Auto in der Sonne steht, steigen die Temperaturen im Innenraum oft auf über 60 °C. Die chemischen Reaktionen beschleunigen sich, und die Ausdünstungsrate (Emission) steigt massiv an.
- Geringes Volumen: Ein Fahrzeuginnenraum ist ein kleiner, abgeschlossener Raum. Dadurch erreichen die Konzentrationen der Schadstoffe schnell Werte, die deutlich über denen in Wohnräumen liegen.
4. Was tun die Hersteller?
Moderne Automobilhersteller sind sich des Problems bewusst. Es gibt strenge Grenzwerte (z. B. nach VDA-Normen) und Tests in Emissionskammern. Viele Hersteller verwenden heute wasserbasierte Klebstoffe und versuchen, den Einsatz von schädlichen Weichmachern zu reduzieren. Dennoch lassen sich Ausdünstungen bei Neuware nie ganz vermeiden.
5. Tipps für Verbraucher
Wenn Sie neue Sitzbezüge eingebaut haben oder ein neues Auto besitzen, können Sie Folgendes tun:
- Viel Lüften: In den ersten Wochen ist konsequentes Lüften das A und O. Fahren Sie (wenn möglich) mit leicht geöffneten Fenstern.
- Hitze vermeiden: Parken Sie im Schatten. Wenn das Auto in der Sonne stand, öffnen Sie alle Türen für ein paar Minuten, bevor Sie einsteigen und losfahren.
- Standlüftung nutzen: Falls Ihr Fahrzeug über eine App oder einen Timer verfügt, lassen Sie die Lüftung vor Fahrtantritt laufen.
- Reinigung: Wischen Sie Oberflächen (auch die Bezüge, wenn möglich) nach einiger Zeit mit einem feuchten Tuch ab, da sich Schadstoffe auch im feinen Staub auf den Oberflächen absetzen können.
- Qualitätssiegel: Achten Sie beim Kauf von Nachrüst-Sitzbezügen auf Zertifikate wie OEKO-TEX Standard 100, die Schadstoffprüfungen garantieren.
Fazit: Eine akute Gefahr besteht für gesunde Menschen meist nicht, aber die Belastung kann zu Unwohlsein führen und ist besonders für Kinder, Schwangere und Allergiker relevant. Das Risiko sinkt mit der Zeit, da die Ausgasungen nach einigen Wochen bis Monaten deutlich nachlassen.