Ist eine rein objektive Berichterstattung möglich, ohne dass durch die Auswahl der Fakten bereits eine Wertung erfolgt?
Die kurze Antwort lautet: Nein, eine absolut objektive Berichterstattung im Sinne einer perfekten Spiegelung der Realität ist nicht möglich.
In der Kommunikationswissenschaft und Journalistik herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass Objektivität eher ein Ideal oder eine Methode ist, aber kein erreichbarer Endzustand. Der Prozess des Journalismus ist von der ersten Sekunde an durch menschliche Entscheidungen geprägt.
Hier sind die wichtigsten Gründe, warum die Auswahl der Fakten bereits eine Wertung darstellt:
1. Selektion ist bereits Interpretation (Gatekeeping)
Jeden Tag passieren Millionen von Ereignissen. Journalisten müssen entscheiden, welche 10 oder 20 davon es in die Nachrichtensendung oder auf die Titelseite schaffen.
- Relevanzkriterien: Warum ist ein Streik in Deutschland wichtiger als eine Hungersnot im Sudan? Die Entscheidung basiert auf „Nachrichtenfaktoren“ (Nähe, Konflikt, Prominenz, Tragik). Diese Faktoren sind jedoch kulturell und gesellschaftlich geprägt und somit nicht rein objektiv.
- Weglassen als Wertung: Was nicht berichtet wird, verschwindet aus dem öffentlichen Bewusstsein. Das Ignorieren eines Fakts ist oft eine stärkere Wertung als die Berichterstattung darüber.
2. Der Kontext bestimmt die Bedeutung
Ein nacktes Faktum bedeutet ohne Kontext nichts. Sobald ein Journalist eine Tatsache in einen Zusammenhang stellt, wertet er sie.
- Beispiel: „Die Wirtschaft wächst um 1 %.“
- Kontext A: „Trotz Krise wächst die Wirtschaft überraschend um 1 %.“ (Positives Framing)
- Kontext B: „Das Wachstum bricht ein: Nur noch mickrige 1 %.“ (Negatives Framing) Die Zahl (1 %) bleibt gleich, die Information für den Leser ist jedoch eine völlig andere.
3. Die Sprache ist niemals neutral
Es gibt kaum Wörter, die keine Konnotation (Mitschwingen von Bedeutung) haben.
- Wird eine Person als „Freiheitskämpfer“, „Rebell“, „Aktivist“ oder „Terrorist“ bezeichnet? Alle vier Begriffe könnten technisch dasselbe Ereignis beschreiben, transportieren aber eine völlig unterschiedliche moralische Bewertung.
- Selbst Verben wie „behaupten“ (impliziert Zweifel) vs. „erklären“ (impliziert Sachlichkeit) steuern die Wahrnehmung.
4. Die Perspektive (Standpunkt-Theorie)
Jeder Journalist ist ein Mensch mit einer Biografie, einer Ausbildung, einem kulturellen Hintergrund und Werten.
- Sozialisation: Ein Journalist, der in einer wohlhabenden westlichen Demokratie aufgewachsen ist, sieht die Welt zwangsläufig durch eine andere Brille als ein Journalist aus dem globalen Süden.
- Der „View from Nowhere“: Der Philosoph Thomas Nagel prägte diesen Begriff für die Idee eines standpunktfreien Blicks. Er kam zu dem Schluss, dass es diesen Blick nicht gibt. Wir stehen immer irgendwo.
Was ist dann die Lösung?
Wenn „echte“ Objektivität unmöglich ist, bedeutet das dann, dass alle Nachrichten nur Meinung sind? Nein. Seriöser Journalismus setzt anstelle von unerreichbarer Objektivität auf andere Standards:
- Transparenz: Offenlegen, wie Informationen zustande gekommen sind.
- Multiperspektivität: Unterschiedliche Sichtweisen zu Wort kommen lassen (Audiatur et altera pars – auch die andere Seite möge gehört werden).
- Faktentreue: Auch wenn die Auswahl subjektiv ist, müssen die Fakten selbst korrekt sein.
- Trennung von Nachricht und Meinung: Dem Leser signalisieren, was ein Tatsachenbericht und was ein Kommentar ist.
Fazit: Die Auswahl von Fakten ist immer ein Akt der Reduktion und damit eine Wertung. Objektivität im Journalismus ist daher eher als das ehrliche Bemühen um Unparteilichkeit zu verstehen, nicht als die Abwesenheit von Subjektivität.