Inwiefern mindert die Ablenkung durch das Smartphone die Sicherheit von Fußgängern im Straßenverkehr?
Die Ablenkung von Fußgängern durch Smartphones – oft unter dem Kofferwort „Smombies“ (Smartphone + Zombies) zusammengefasst – ist ein erhebliches Sicherheitsrisiko im modernen Straßenverkehr. Die Minderung der Sicherheit erfolgt dabei auf mehreren Ebenen: sensorisch, kognitiv und motorisch.
Hier sind die zentralen Aspekte, wie das Smartphone die Sicherheit mindert:
1. Visuelle Einschränkung (Tunnelblick)
Die visuelle Aufmerksamkeit ist die wichtigste Informationsquelle im Straßenverkehr.
- Blickabwendung: Wer auf das Display schaut, senkt den Kopf. Dadurch wird das periphere Sehfeld massiv eingeschränkt. Fahrzeuge, die von der Seite kommen, oder Hindernisse am Boden werden nicht mehr wahrgenommen.
- Fixierung: Das Gehirn konzentriert sich auf den kleinen Bildschirm, wodurch die Umgebung förmlich ausgeblendet wird. Man spricht hier vom sogenannten Tunnelblick.
2. Kognitive Ablenkung (Inattentional Blindness)
Selbst wenn ein Fußgänger kurz aufschaut, ist sein Gehirn oft noch mit der Verarbeitung der digitalen Inhalte beschäftigt.
- Unaufmerksamkeitsblindheit: Man sieht ein herannahendes Auto zwar, aber das Gehirn stuft es nicht als Gefahr ein, weil es mit dem Lesen einer Nachricht oder dem Betrachten eines Videos ausgelastet ist.
- Verzögerte Reaktionszeit: Studien zeigen, dass abgelenkte Fußgänger deutlich länger brauchen, um auf Gefahrensituationen (z. B. ein hupendes Auto) zu reagieren. Die kognitive Last verlangsamt die Entscheidungsfindung.
3. Akustische Isolation
Viele Smartphone-Nutzer tragen Kopfhörer, oft mit Noise-Cancelling-Funktion.
- Wichtige akustische Warnsignale wie Motorengeräusche, Reifenquietschen, Klingeln von Radfahrern oder Martinshörner werden überhört.
- Der Gehörsinn dient normalerweise als „Frühwarnsystem“ für Gefahren außerhalb des Sichtfeldes; fällt dieser weg, steigt das Unfallrisiko drastisch.
4. Veränderung des Bewegungsablaufs
Die physische Interaktion mit dem Smartphone beeinflusst, wie wir uns im Raum bewegen:
- Langsameres Gehen: Abgelenkte Fußgänger gehen meist langsamer und unsicherer. Dies verlängert die Zeit, in der sie sich in Gefahrenbereichen (z. B. auf der Fahrbahn beim Überqueren) aufhalten.
- Schlangenlinien: Die Orientierung im Raum leidet, was dazu führen kann, dass Fußgänger unbewusst vom Gehweg auf die Straße abkommen.
5. Fehlbeurteilung von Verkehrssituationen
Durch die Ablenkung schätzen Fußgänger Geschwindigkeiten und Abstände falsch ein.
- Es wird häufiger darauf verzichtet, den fließenden Verkehr vor dem Betreten der Fahrbahn zu prüfen.
- Man verlässt sich blind auf Ampeln oder das Verhalten anderer Fußgänger („Herdentrieb“), ohne selbst die Sicherheit zu checken.
Statistiken und Folgen
Studien (u.a. von der Dekra oder dem ADAC) zeigen regelmäßig:
- In europäischen Großstädten ist fast jeder sechste Fußgänger durch sein Smartphone abgelenkt.
- Besonders die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen ist gefährdet.
- Die Folgen reichen von Stolpern und Zusammenstößen mit anderen Passanten bis hin zu schweren Kollisionen mit Autos oder Straßenbahnen.
Gegenmaßnahmen der Infrastruktur
In einigen Städten wurde bereits auf dieses Phänomen reagiert:
- Bodenampeln (Bompeln): LED-Leisten im Boden vor Ampeln (z. B. in Augsburg oder Köln), die rot leuchten, damit auch Menschen mit gesenktem Blick das Stopp-Signal sehen.
- Warnhinweise: Piktogramme auf Gehwegen, die vor der Smartphone-Nutzung beim Überqueren der Straße warnen.
Fazit: Das Smartphone mindert die Sicherheit, indem es die situative Aufmerksamkeit des Fußgängers fast vollständig absorbiert. Der Mensch ist kognitiv nicht in der Lage, gleichzeitig komplexe digitale Informationen zu verarbeiten und die hochdynamische Umwelt des Straßenverkehrs sicher zu überwachen.